New Urban Tourism in Berlin: Quartiere zwischen Inwertsetzung und Überlastung

Es ist Sommer, die Temperaturen steigen und die Inzidenzwerte sind niedrig – Viele freuen sich auf eine Zeit ohne weitreichende Beschränkungen. Nach und nach öffnen Restaurants, Bars und Cafés wieder ihre Innen- und Außenbereiche, und auch der Besuch von Museen und Galerien, Live-Konzerten und Freizeiteinrichtungen ist endlich wieder möglich. In vielen Bundesländern laufen bereits die Sommerferien und die Reiselust vieler Menschen ist groß – so groß, dass wir hinterfragen sollten, wie das mit dem Tourismus künftig weitergehen wird. Klar ist, dass die Tourismusbranche eine der am härtesten von der Pandemie getroffenen Branchen überhaupt ist: 2020 brachen die Zahlen der Gäste und Übernachtungen in Berlin nach Angaben von visitBerlin im Vergleich zum Rekordjahr 2019 um 65 Prozent ein und sanken somit auf das Niveau von 2001. Das hatte dramatische Auswirkungen auf die rund 250.000 Menschen, die in Berlin von der Arbeit mit Tourist*innen leben. Darüber hinaus ist die Tourismusbranche eng mit anderen Branchen verknüpft. Bleiben die in- und ausländischen Gäste aus, leiden z.B. auch die Kulturbranche und die Gastronomie.

Die Thematik betrifft in hohem Maße auch die Quartiersentwicklung. Manchen Quartieren hat die Pandemie eine regelrechte „Atempause“ vom Ansturm der Massen verschafft. Die Rede ist hier nicht von touristischen Hotspots wie dem Brandenburger Tor oder der Museumsinsel, die ohnehin fast ausschließlich von Besucher*innen aufgesucht werden und im Zweifelsfall gemieden werden können, sondern von „hippen“ innerstädtischen, funktionsgemischten Wohnquartieren, die in den letzten Jahren zusätzlich zur Gentrifizierung auch immer mehr von der Touristifizierung betroffen waren.

„Locals“ und „Touris“: temporäres Miteinander

Der „off the beaten track“-Tourismus, der sich abseits ausgetretener Pfade bewegt, das sogenannte Lifeseeing bzw. die Suche nach dem Alltäglichen, nach Authentizität und einem Gefühl für das Leben der „Locals“ vor Ort sind auch unter dem Schlagwort New Urban Tourism bekannt. Bevor die „New Urban Tourists“ ein Quartier für sich entdecken, hat es in der Regel schon erste Gentrifizierungsprozesse durchlaufen. Gentrifizierung festigt das trendige und kreative Image eines Quartiers, setzt Aufwertungsprozesse in Gang und schafft Konsumangebote, die anziehend auf Besucher*innen wirken.

In den bei neuen urbanen Tourist*innen beliebten Quartieren entsteht zunächst einmal etwas Positives: Der Tourismus prägt das Geschehen auf den Straßen und den Plätzen atmosphärisch. Das temporäre Miteinander der Besucher*innen und Bewohner*innen wird von Vielen aufgrund seiner nicht-inszenierten Form als anziehend empfunden (siehe z.B. die Berliner Admiralsbrücke), zumal sich die Aktivitäten der „Locals“ häufig kaum von denen der Gäste unterscheiden. Berliner*innen agieren quasi-touristisch, wenn sie dieselben Restaurants, Bars und Clubs wie die Tourist*innen besuchen oder die Stadt mit einem „Berlin-für-Berliner“-Reiseführer entdecken. Orte wie die Admiralsbrücke, der Mauerpark-Flohmarkt oder das Tempelhofer Feld werden von „Locals“ und Tourist*innen gleichermaßen geschätzt (vgl. Sommer & Kip 2019: Commoning in new tourism areas)¹. Die lokale Gastronomie profitiert von den Tourist*innen ebenso wie die Kulturbranche und der Einzelhandel. Indem die Tourist*innen in den Quartiersalltag eintauchen, bringen sie das Quartier mit hervor: „Eintauchen heißt auch, die Stadt durch performative Praktiken zu transformieren”, wie Anja Saretzki 2018 treffend schreibt².

Wenn Quartiere aus dem Gleichgewicht kommen

Leider wird aus dem temporären Miteinander unter gewissen Umständen schnell ein Gegeneinander: Werden es zu viele Besucher*innen, kann es zu Konflikten mit den Quartiersbewohner*innen kommen. Ein derartiger Overtourism äußert sich z.B. durch Crowding-Effekte in Quartieren. Damit ist nicht das auf Flohmärkten oder Straßenfesten gewünschte „Good  Crowding“ gemeint, sondern das „Bad Crowding“ in Form von Warteschlangen, überfüllten Verkehrsmitteln und öffentlichen Plätzen, Verschmutzung und Lärm, was zu Unmut auf beiden Seiten führt. Zu diesen direkten negativen Auswirkungen des Overtourism kommen die indirekten Effekte, wie z.B. der Strukturwandel im lokalen Einzelhandels- und Dienstleistungsangebot. In vielen touristifizierten Quartieren klagen die Anwohner*innen mittlerweile über ein Überangebot an touristischen „Billigangeboten“ wie Souvenirshops, Kiosken und Fastfood-Lokalen. Dazu kommt die Nutzungskonkurrenz auf dem Wohnungsmarkt. Airbnb und andere privat vermietete Unterkünfte tragen zur Verknappung von preisgünstigem, regulärem Wohnraum bei. Hier sollte zwischen dem tatsächlichen Effekt und dem gefühlten Effekt unterschieden werden: Denn auch wenn der Anteil der Wohnungen, die durch Airbnb tatsächlich dauerhaft dem regulären Wohnungsmarkt entzogen werden, verhältnismäßig gering ist, so ist der gefühlte Effekt groß, wenn im eigenen Haus eine oder mehrere Wohnungen dauerhaft über Airbnb vermietet werden. Ist auf den Bürgersteigen des Quartiers ständig das Klackern der Rollkoffer zu hören, kann das bei Anwohner*innen schnell das Gefühl auslösen, die Tourist*innen würden ihnen den (Wohn-) Raum wegnehmen oder die Nachbarschaft anonym werden lassen.

In jeder Krise liegt eine Chance

Was aber wäre nötig, um den Tourismus zukünftig quartiersgerechter zu gestalten? Sowohl die Tourismusbranche, als auch die Politik und Planung haben sich viel zu lang darauf konzentriert, Jahr für Jahr Tourismusrekorde zu brechen, ohne dabei die negativen Auswirkungen zu berücksichtigen, die der Tourismus (insbesondere New Urban Tourism) auf die sozialräumlich geprägte Lebenswelt der Quartiere haben kann. Die Pandemie hat dieses blinde Wachstum nun schlagartig ausgebremst und bietet somit die einmalige Gelegenheit für eine Neuorientierung.

Öffentliche Investitionen in den Tourismus müssen zu einer Verbesserung der Lebensqualität der Quartiersbewohner*innen beitragen. Ein gezieltes Monitoring für quartiersgerechten Tourismus – unter Einbeziehung der Anwohner*innen – könnte beispielsweise aufzeigen, wo Investitionen in die Fahrradinfrastruktur oder in die Barrierefreiheit sowohl das touristische Erlebnis als auch die Lebensqualität der Quartiersbewohner*innen erhöhen. Darüber hinaus würde so ein Monitoring zeigen, wo der Tourismus die lokale Einzelhandels- und Dienstleistungsstruktur gefährdet. Um hoch frequentierte Quartiere zu entlasten, bietet es sich an, Besucher*innen durch gezielte Produktentwicklung und besseres Storytelling in umliegende Destinationen zu locken. Das würde eine zeitliche sowie räumliche Verteilung der Gäste bewirken und zu einer Aufwertung von weniger bekannten Quartieren beitragen.

Auch die Tourismusbranche selbst ist gut beraten, sich ihrer sozialen Verantwortung stärker bewusst zu werden. Während der Pandemie haben mehrere Berliner Herbergen ihre leerstehenden Zimmer für Menschen ohne Obdach geöffnet. Andere wurden kurzfristig zu Corona-Testzentren umfunktioniert. Das sind nur zwei Beispiele dafür, wie Tourismusbetriebe ihren Quartieren etwas zurückgeben können. Werte wie Solidarität, Empathie, Zurückhaltung und Rücksichtnahme auf Andere haben durch die Pandemie neue Bedeutung in der Branche gewonnen.

Letztendlich muss sich auch jede*r Einzelne nach der Pandemie fragen, wie er/sie verreisen möchte: Kehren wir zu alten Verhaltensmustern zurück und versuchen, den Verlust und Verzicht der letzten Monate durch noch mehr Konsum zu kompensieren, oder nutzen wir die Chance, unser eigenes Reise- und Konsumverhalten zu hinterfragen?  

„Zu reisen ist zu leben“, sagte einst der Dichter Hans Christian Andersen. Ohne den Tourismus hat in vielen Quartieren während der Pandemie ein wichtiger Teil des Lebens gefehlt. Insofern wäre es schön, wenn ein unbeschwertes, lebendiges Miteinander von Quartiersbewohner*innen und -besucher*innen bald wieder ohne Einschränkungen möglich wäre. Wichtig ist dabei aber, dass es nicht einfach zu einem „Weiter wie zuvor“ kommt, sondern Werte wie Solidarität und gegenseitige Rücksichtnahme auch nach der Pandemie erhalten bleiben und der Tourismus in nachhaltigere, quartiersgerechtere Bahnen gelenkt wird.

 

 

Autor: Leon Zens

Foto: © Olaf Schnur

 

 

Dieses Posting entstand aus einer Kooperation des AK Quartiersforschung mit der vhw-Denkwerkstatt Quartier. Zum Weiterlesen empfiehlt sich Heft 2/2018 der „Forum Wohnen und Stadtentwicklung“ vom vhw zum Thema Tourismus und Stadtentwicklung: Hier kostenlos abrufbar.

 

Literaturverweise:

¹SOMMER, C. & KIP, M. (2019): Commoning in new tourism areas. In: FRISCH, T., SOMMER, C., STOLTENBERG, L. & STORS, N. (Hrsg.): Tourism and Everyday Life in the Contemporary City. Abingdon (GB) und New York (USA). S. 211-231

²SARETZKI, A. (2018): Städtische Raumproduktion durch touristische Praktiken. Zeitschrift für Tourismuswissenschaft 10 (1). S. 7-27

 

 

 

 

 

 

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