Urbane Immobilienmärkte und ökonomische Theorien der Gentrifizierung

Kris Jan Maschewsky: Urbane Immobilienmärkte und ökonomische Theorien der Gentrifizierung (Staatsexamensarbeit, 2010, HU Berlin)

Summary

Seit rund einem Jahrzehnt wird innerhalb der Gentrifizierungsforschung das Phänomen der “Globalisierung der Gentrifizierung” diskutiert. Und mindestens für die USA und Großbritannien lässt sich von einer “Vierten Welle der Gentrifizierung” sprechen, die gegen Ende der dot.com-Krise 2001 einsetzte und durch den wachsenden Einfluss finanzkapitalistischer Akteure auf Gentrifizierungsprozesse geprägt ist. Die vorliegende Arbeit leistet einen Beitrag zu einer theoretischen Erklärung dieser Phänomene. Sie versucht sich an einer krisentheoretischen Synthese aktueller Ergebnisse polit-ökonomisch ausgerichteter Gentrifizierungs- und Immobilienmarktforschung aus der Geographie und Debatten um die Entstehung eines “finanzdominierten Akkumulationsregimes” und begreift das gegenwärtige Gentrifizierungsgeschehen aus Widersprüchen der globalen Kapitalakkumulation. Sie versteht sich damit auch als Diskussionsbeitrag zur Analyse der seit 2008 offensichtlich gewordenen Weltwirtschaftskrise.

Theoretische Grundlage der vorliegenden Arbeit ist die Untersuchung geographischer Adaptionen von Ricardos und Marx Kategorie der Grundrente. Auf dieser Basis wird die “rent gap-Theorie” Neil Smiths als mikroökonomische Theorie der Gentrifizierung diskutiert. In einem weiteren Schritt werden Ergebnisse der geographischen Immobilienmarktforschung zur Öffnung des noch in den 1980er Jahren vornehmlich lokal verankerten Banken vorbehaltenen Geschäfts der Finanzierung von Immobilieninvestitionen für finanzkapitalistische Akteure, gerade institutionelle Investoren, dargestellt. Einerseits geht dies mit wesentlichen Veränderungen im Finanzierungsgeschäft von Immobilieninvestitionen einher. Zweitens lässt sie sich im Rahmen der Debatten um ein finanzdominiertes Akkumulationsregime als Resultat einer strukturellen Überakkumulationskrise des Kapitalismus begreifen. Kapital, das sich nicht mehr profitabel in die Ausweitung der Produktion investieren lässt, sucht nach neuen Anlageklassen. Daher gewinnen Akkumulationsstrategien auf der Basis von Rentenerträgen, vornehmlich Monopolrenten, erhöhte quantitative und qualitative Relevanz. Die Globalisierung der Gentrifizierung wird damit als Teil einer allgemeineren Bewegung hin zu einem Relevanzgewinn von Strategien zur Akkumulation von Monopolrenten begreifbar.

Im Gegensatz zur Kapitalakkumulation durch die Ausbeutung von Arbeitskraft ist die Akkumulation von (Grund-) Rente allerdings nicht mehrwertbildend, Rentenerträge werden von der gesamtgesellschaftlich geschaffenen Mehrwertmasse abgeschöpft. Es ergibt sich damit der Widerspruch, dass relevante Kapitalmassen wegen mangelnder Profitabilität aus der Produktionssphäre in die Sphäre der Akkumulation von Rentenerträgen umgeschichtet werden, in letzter Instanz zugleich aber von den Profiten in der Produktionssphäre abhängig bleiben. Dieser Widerspruch konnte und kann zeitweilig durch die Schaffung fiktiven Kapitals gelöst werden. Der hypothekenfinanzierte Immobilienboom zwischen 2001 und 2008 etwa in den USA lässt sich derart begreifen.

Die vierte Welle der Gentrifizierung lässt sich damit makroökonomisch als Phänomen des Relevanzgewinns von Strategien zur Akkumulation von (Grund-) Rente erklären. Sie geht mit Überinvestitionen in Immobilienmärkte gerade international renommierter Metropolen mit internationalisiertem Immobilienmarkt einher. Dort öffnen sich rent gaps zeitlich schneller und räumlich verbreiteter und lassen sich durch Gentrifizierungsstrategien der betreffenden Stadtquartiere verwerten. Allerdings führt dies zugleich zum Anstieg von Lebenshaltungs- und Produktionskosten in stark von Gentrifizierungsprozessen betroffenen Städten, die deren internationale Konkurrenzfähigkeit gefährden können. In polemischer Absicht wird die Globalisierung der Gentrifizierung mit einem Begriff Franz Jungs daher als Akkumulation aus der Substanz des Kapitals begriffen.

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