Call for Papers AK-Tagung 2011: Migration und Integration im Quartier

Jahrestreffen 2011 des AK Quartiersforschung am 21. und 22.10. in Stuttgart

Migration und Integration in Stadtquartieren

Call for Papers

Seit Mitte des 20. Jahrhunderts ist die Welt “in Bewegung geraten”. Entfernungen sind relativ geworden und Zuwanderung ist heute vor allem für Städte ein konstitutives Element. Mit dem Wachsen von kultureller Heterogenität in der multi-ethnischen Stadt gehen Fragen der Selbstverortung und Identität in einem sich neu konstituierenden Umfeld einher.

In Quartieren werden diese Fragen lokal verhandelt. ‘Ich’ und ‘mein Quartier’ finden hier ihren Ausgang: Wo sich auf der einen Seite Migranten nicht “unsichtbar” machen, wird ihnen “Fremdheit” vorgeworfen. Sie werden in ethnische Klischees hineingezwängt und man spricht von „Parallelgesellschaften“, die als Bedrohung wahrgenommen und im „Migrantenquartier“ pauschal verräumlicht werden. Auf der anderen Seite ist es evident, dass segregierte migrantische Milieus für viele im Rahmen einer Binnenintegration zunächst vor allem Ressourcencharakter haben und deshalb unverzichtbar sind (Elwert 1982). Gleichzeitig erfahren Erwartungen an Quartiersgebundenheit und damit einhergehende lokale Identität deutliche Grenzen, wenn Transnationalität (Pries 2008) und rechtliche Ungleichbehandlung das Alltagsleben der Migranten in der “Leitkultur” konfigurieren. Während Dangschat (2000) von der „Integrationsmaschine Quartier“ spricht, fragt Heitmeyer (1998), ob die Integrationsmaschine Stadt versagt. “Integration in Stadtquartieren: Mythos oder Realität?” könnte die leitende Fragestellung der Tagung des Arbeitskreises Quartiersforschung lauten. Antworten sollen gefunden werden, indem wir an der Praxis orientierte, theoriegeleitete Einblicke in die “soziale Grammatik” städtischer Quartiere nehmen.

Folgende Themenkomplexe sollen im Rahmen des AK-Treffens erörtert werden, und entsprechende Abstracts sind gebeten, sich einem der Themenkomplexe zuzuordnen:

1) Good Practice: Governance quartiersbezogener Integration und politische Repräsentation von MigrantInnen

Eine Grundfrage und ein Hauptproblem der Quartiersentwicklung stellt die Qualität und Konstitution lokaler Beteiligungskultur dar. Zweifellos existiert eine ganze Reihe von Beispielen „guter Praxis“, in denen Diversität als Potenzial anerkannt und im Sinne einer interkulturellen Öffnung der Quartiersentwicklung genutzt wird. Hier wären Überblicke oder aussagekräftige Fallbeispiele von Projekten und Maßnahmen interessant, die im Quartierskontext Ethnisierungs- und Kulturalisierungstendenzen vorbeugen. Dabei kann die Rolle von Quartiersekretariaten, Quartiersmanagement-Büros und anderen Akteuren im kommunalen Bereich ebenso thematisiert werden, wie die Funktion von Schulen als übergreifende Integrationsinstanzen (und gleichzeitig als Angelpunkt der Schulsegregation) im Quartier. Außerdem sind Beiträge willkommen, welche die vielfach nicht gelingende Repräsentation von MigrantInnen auf der Quartiersebene analysieren und Lösungsansätze skizzieren. Die Grundfrage könnte lauten: Welches Potenzial hat die Quartiersebene gerade für migrantische Beteiligungs- und Engagementformen?

2) „Integration“ als Polit-Rhetorik?

Gesucht sind z.B. diskursanalytische Beiträge, die sich mit den Diskrepanzen zwischen Leitbildern wie dem der „weltoffenen Stadt“, der „kosmopolitischen Metropole“ einerseits und der multi-ethnischen Stadt oder der sozialen Stadt andererseits befassen. Ein Beispiel wären die Imagekampagnen von Städten, die sich als weltoffen, mehrsprachig, multireligiös und transnational präsentieren und andererseits „Parallelgesellschaften“, ethnische Ghettos und „Problemkieze“ als „gefährliche Orte“ thematisieren. Interessant wären Arbeiten, die die Irritation zwischen dieser Alltagsrealität und der öffentlichen Wahrnehmung und Darstellung theoriegeleitet untersuchen. Aber auch die ebenso theoretisch wie normativ verlaufende Grundsatzdebatte zwischen „Assimilationisten“ und „Pluralisten“ hinsichtlich der Integration von Migranten könnte hier im lokalen Quartiersmaßstab dekonstruiert werden.

3) Zwischen migrantischen Quartiersnetzwerken und Herkunftsmilieus: Hybride Alltagswirklichkeiten

Gesucht werden Beiträge, die sich mit der Vernetztheit von Lebenslagen von MigrantInnen beschäftigen. Viele Quartierbewohner halten grenzüberschreitende familiäre Beziehungen aufrecht, handeln translokal und lassen qualitativ neue Lebenslagen entstehen, die sich in lokalen Kontexten auf weltgesellschaftlicher Basis formieren (vgl. Yildiz 2004). Gerade die Fähigkeit, sich vor Ort zu arrangieren und gleichzeitig auf translokaler Basis neu zu kodieren, macht die Kompetenz aus, die in der heutigen Alltagswelt zunehmend benötigt wird. Darüber hinaus sind auch Arbeiten willkommen, die individuelle lokale, nationale Identitäten der “hybrid natives” (Clifford 1997) und die Rolle des Quartiers als identitätsstiftende Instanz für MigrantInnen in den Vordergrund stellen. Dabei wäre es auch interessant, individuelle „Integrationsbiographien“ und die Rolle der Quartiersebene auf dem Weg zwischen dem „Ankommen“ und dem „Bleiben“ zu diskutieren: Welche Reichweite und Bedeutung hat der Quartierskontext in welchen Phasen der Integration? Inwiefern handelt es sich bei Segregationstendenzen im Sinne einer Diasporabildung um eine „normale“ Phase urbaner migrantischer Alltagspraxis im Laufe eines langfristigen Integrationsprozesses?

4) „Ethnische Umwelten“ im Quartier: Zwischen Ent-Ortung des Anderen und der Produktion lokalisierter Identitäten

In diesem Feld werden Beiträge gesucht, die aus alltagsweltlicher, ethnographischer oder mikrogeographischer Sicht die Wirkkraft symbolischer Inszenierungen untersuchen, wie z.B. Moscheen, ethnische Ökonomien oder “ethnische“ Inszenierungen von Strassen (z.B. Schaufenstergestaltung) oder der Frage nachgehen, wie sich kulturelle Diversität im öffentlichen Raum konkret manifestiert.

Der AK richtet sich an alle, die sich in Forschung und/oder Praxis (Kommunen, Immobilienwirtschaft, Consulting…) mit Quartiersthemen befassen, insbesondere auch an NachwuchswissenschaftlerInnen. Der Arbeitskreis versteht sich als ein offenes, interdisziplinäres und integrierendes Forum für den fachlichen Austausch: Deshalb sind selbstverständlich neben GeographInnen auch Angehörige anderer sozialwissenschaftlicher Disziplinen sowie StadtplanerInnen und weitere Fachpersonen der Praxis herzlich willkommen!

Für das Jahrestreffen, das in Stuttgart vom 21. bis 22. Oktober 2011 stattfinden wird, sind Impulsreferate (ca. 20 Minuten) aus den oben beschriebenen Themenbereichen vorgesehen. Themenvorschläge (mit Kurzexposés von höchstens einer Seite) richten Sie bitte

bis 24. Juni 2011

an einen der beiden Sprecher des AK Quartiersforschung, die auch für weite Auskünfte und Rückfragen gerne zur Verfügung stehen. Bei ausreichender Anzahl und Qualität der Beiträge ist eine anschließende Verlagspublikation möglich.

Darüber hinaus planen wir einen Stadtspaziergang zum Internationalen Stadtteilzentrum „Haus 49“ in Stuttgart-Nord zu organisieren. Am Sonntag, den 23.10.2011 gibt es darüber hinaus die Möglichkeit am „Brunch Global“ teilzunehmen, einem vom Forum der Kulturen Stuttgart e.V. organisierten interkulturellen Frühstückstreff (11:00-15:00 Uhr).

Interessierte, die kein Referat vorstellen, aber dennoch an der Tagung teilnehmen möchten, sind ebenfalls herzlich eingeladen. Über eine formlose Anmeldung per eMail freuen wir uns! Das definitive Tagungsprogramm wird voraussichtlich bis spätestens Mitte September vorliegen.

Kontakt:

PD Dr. Olaf Schnur
Eberhard Karls Universität Tübingen
Forschungsbereich Geographie
Vertretungsprofessur für Stadtgeographie
Rümelinstraße 19-23
D-72070 Tübingen
eMail: olaf.schnur[at]web.de

Dr. Matthias Drilling
Sozialgeograph, Raumplaner MAS ETH
Institutsleiter
Hochschule für Soziale Arbeit
Institut Sozialplanung und Stadtentwicklung
Thiersteinerallee 57
CH-4053 Basel
eMail: matthias.drilling[at]fhnw.ch

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