Bericht von der AK-Tagung “Quartiere neu denken”

Bericht von der Jahrestagung „Quartiere neu denken“ des AK Quartiersforschung am 16. November 2020

Auch der AK Quartiersforschung musste für seine Jahrestagung am 16. November 2020 umplanen und pandemiebedingt auf eine Online-Plattform umziehen. Was anfangs alle Beteiligten schade fanden, hatte letztlich auch Vorteile: Bei der Online-Veranstaltung zum Thema „Quartiere neu denken“, die in Kooperation mit dem Forschungsbereich des vhw – Bundesverband für Wohnen und Stadtentwicklung e.V. stattfand, waren mit knapp 150 Teilnehmenden deutlich mehr Personen anwesend als es am ursprünglich geplanten Tagungsort im Restaurant des ehemaligen Flughafen Tempelhof möglich gewesen wäre. Die Tagung hatte – auch virtuell – einen prominenten Rahmen, weil sie im Rahmenprogramm der Ausstellung “Living the City” der Nationalen Stadtentwicklungspolitik und der deutschen EU-Ratspräsidentschaft stattfand, die im Dezember u.a. mit der Verabschiedung der Neuen Leipzig Charta endete.

Die Tagungsbeiträge aus Wissenschaft und Praxis griffen zentrale Themen der Quartiersentwicklung im Zusammenhang mit der novellierten Leipzig Charta auf und wurden im Plenum rege diskutiert. Die von Dr. Lars Wiesemann, Laura Garbe und Dr. Olaf Schnur (alle vhw e.V., Berlin) moderierte Konferenz startete mit einem Intro von Olaf Schnur, das sich vor allem mit dem Quartiersbegriff und dessen Verwendung kritisch auseinandersetzte. Im ersten Beitrag beschäftigte sich Prof. Dr. Klaus Selle (NetzwerkStadt Forschung, Beratung, Kommunikation GmbH, Schwerte) mit der Thematik des „Gemeinwohls im Quartier“. Um die Begriffe Gemeinwohl und Quartier für Stadtentwicklungsaufgaben nutzbar zu machen, wurden in seinem Beitrag zunächst Missverständnisse und offene Fragen diskutiert, um dann einige begriffliche Kerne zu operationalisieren. Dabei erweist sich der vor allem in der Quartiersforschung betonte lebensweltliche Ansatz ebenso bedeutsam wie der jedem der Begriffe eigene prozessuale Aspekt. Beides kann, so Klaus Selle, für eine “VerORTung” der Stadtentwicklung fruchtbar gemacht werden. Im Vortrag „Nachbarschaften als hybride Alltagsräume – Herausforderungen und Möglichkeiten für die Praxis“ diskutierten Simone Tappert (Institut Sozialplanung, Organisationaler Wandel und Stadtentwicklung, Hochschule für Soziale Arbeit FHNW, Muttenz) und Dr. Anna Becker (vhw e.V.) die Komplexität und Veränderungsdynamik von urbanen Nachbarschaften, die sich durch selbst- und fremdgesteuerte Prozesse in steter Transformation befinden. Ihr Vortrag ging der Frage nach, wie sich der gesellschaftliche Wandel und die Digitalisierung der Gesellschaft gegenwärtig auf Nachbarschaften auswirken, wie durch diese Dynamiken neue hybride Alltagsräume entstehen, und wie diese hybriden Räume Nachbarschaften konstituieren. Resümierend wurden Herausforderungen und Möglichkeiten aufgezeigt, die sich dadurch für die Praxis eröffnen. Dass eine gute und richtige Atmosphäre individuelles und gemeinsames Handeln erleichtern oder sogar beflügeln kann, liegt auf der Hand: Dr. Rainer Kazig (CRNS Forschungsgruppe „Ambiances – Architectures – Urbanités”/CRESSON, Grenoble) ging mit seinem Beitrag „Partizipative Atmosphären im Quartier“ deshalb der Frage nach, ob und in welcher Weise dieser Zusammenhang auch für die Dynamik von Partizipation und bürgerschaftlichem Engagement im Quartier gilt. Er stützte sich dabei auf konzeptionelle Überlegungen zum Zusammenhang von Atmosphären und Engagement sowie auf erste Ergebnisse einer explorativen Untersuchung in sechs Quartieren in Deutschland und Frankreich. Prof. Dr. Andreas Thiesen (Hochschule Rhein-Main, Theorien und Methoden Sozialer Arbeit, Wiesbaden) stellte in seinem Beitrag „TRANSCITY – Klimaschutz durch quartiersübergreifende Kooperation“ anschließend ein Konzept vor, wie man kommunalen Klimaschutz völlig neu denken kann: Gegenstand ist die Entwicklung und Anwendung eines Social Urban Emissions Trading System (SUETS). Dahinter verbirgt sich ein sozialräumliches Instrument für quartiersübergreifenden Emissionshandel zwischen unterschiedlichen sozialen Milieus, mit dem die Sensibilisierung für soziale Schieflagen im Verbund mit konkreten Klimaschutzmaßnahmen erfolgen soll. Ganz zentral ging es im Beitrag um die Frage, welche Potenziale dieser Ansatz birgt, um sozialräumliche Inklusion in einer Großstadt herzustellen und als Hebelwirkung für Klimaschutz zu nutzen. Anna Wildhack und Dr. Sophie Naue (urbanista GmbH & Co KG, Hamburg) widmeten sich in ihrem Vortrag „Quartier machen auf digitalen Plattformen“ der übergeordneten Frage, welchen Beitrag digitale Plattformen für eine bürgergetragene Quartiersentwicklung leisten können. Dafür zogen sie aktuelle Forschungsergebnisse und -erkenntnisse heran und diskutieren sie mit Blick auf das Quartier: Welche Plattformen eignen sich? Welche Anforderungen und Rahmenbedingungen sind zu erfüllen? Wo liegen Schwierigkeiten und Herausforderungen? Und welche Erfordernisse stellen sich an kommunale Planungsinstanzen? Den Abschluss machte Dr. Ingeborg Beer (Büro für Stadtforschung + Sozialplanung, Berlin) mit ihrem Vortrag „Vielfalt und soziale Integration im Quartier“, der drei Thesen und Fragen in den Mittelpunkt rückte: Vielfalt, so Ingeborg Beer, ist eine (stadt-)gesellschaftliche Realität – aber wird sie auch als Normalität gedacht und gezielt gestaltet? Soziale Integration, so die zweite These, scheint im Umgang mit Vielfalt ein bewährtes Konzept zu sein – ist das aber stimmig und zukunftsfähig? Und: Vielfalts-Quartiere werden häufig als Ankunftsorte oder Endstation, abgehängte Inseln oder urbane Alltagsräume beschrieben. Inwieweit ist es möglich, solche Zuschreibungen zu überwinden und neu darüber nachzudenken, z.B. mit konsequenten Perspektivwechseln, Innenansichten und transdisziplinären Konzepten?

Die Tagungsbeiträge wurden teilweise aufgezeichnet und unter https://www.vhw.de/forschung/ online zur Verfügung gestellt.

 

 

 

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