AK Tagung – Thema: „Quartier und Gesundheit: Strukturen, Prozesse und Entwicklungsmöglichkeiten“

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18. – 19. Mai 2015, Berlin

Nachdem sich der Arbeitskreis Quartiersforschung in den letzten Jahren mit so unterschiedlichen Querschnittsbereichen wie Governance, Demographie, Nachhaltigkeit oder Bildung beschäftigt hatte, fand am 18. und 19. Mai 2015 die diesjährige Tagung in Berlin zum Thema „Quartier und Gesundheit“ statt. Damit wurde zum einen ein hochaktuelles kommunalpolitisches und -planerisches Thema aufgegriffen, zum anderen aber auch der Bogen zu einem schnell wachsenden interdisziplinären Forschungsfeld gespannt, welches einen wichtigen Beitrag zur nachhaltigen Stadtentwicklung leistet. Idealerweise konnte das Deutsche Institut für Urbanistik (Difu), das traditionell an der Schnittstelle zwischen Kommunen und Wissenschaft arbeitet, dafür gewonnen werden, die Konferenz mit ca. 50 TeilnehmerInnen räumlich und organisatorisch zu unterstützen.

Die Tagung begann mit einem Vor-Ort-Termin und einem Kiezrundgang mit der Quartiersmanagerin Özlem Ayaydinli von der L.I.S.T. GmbH sowie Rouvena Jennrich von dem auf Bewegungsangebote spezialisierten Verein bwgt e.V. im Sprengelkiez im Wedding (Bezirk Mitte). Vor Ort im Kiez wurde sehr deutlich, wie wichtig eine enge Integration von Gesundheitsaspekten in die Quartiersentwicklung ist. Gleichzeitig wurden hier auch die Grenzen der Quartiersarbeit unter dem Schirm des Programms „Soziale Stadt“ sichtbar: Das Quartier wird am Ende des Jahres in die „Verstetigung“ entlassen, sodass die Zukunft der bisherigen erfolgreichen Projekte in Frage gestellt ist.

Der darauf folgende Konferenztag konnte direkt an die Vor-Ort-Erfahrung anknüpfen. Im ersten thematischen Block („Kontexte: Quartierseffekte, Ortsidentität und Gesundheit“) berichtete Jürgen Friedrichs (Köln) anhand eines profunden Überblicks internationaler Studien von Effekten des Wohngebiets auf die mentale und physische Gesundheit der Bewohner/innen sowie von den zugrundeliegenden Effekten und Wirkungsketten. Es wurde u.a. die grundlegende Frage diskutiert, ob die politische Regulation sozialer Ungleichheit eher area-based oder people-based ausgerichtet werden sollte. Anschließend stellte Christian Timm (Bonn) sein Dissertationsvorhaben zu Orts-Identitäten und gesundheitlichem Wohlbefinden in zwei periurbanen Gemeinden vor, in denen u.a. GIS-gestützte Raumanalysen und Befragungen durchgeführt wurden. Gesundheitliches Wohlbefinden wurde auch hier – aus einer salutogenetischen Perspektive – als kontextbezogene Ausprägung eines Kohärenzgefühls (im Sinne von Orts- oder Quartiersverbundenheit) interpretiert.

Den zweiten Block („Zielgruppen und Settings: Quartiersbezogene Interventionen im Gesundheitskontext“) eröffnete Birgit Wolter (Berlin) mit einem Vortrag über die quartiersbezogene Gesundheitsförderung für ältere Menschen. Dabei wurden Einblicke in ausgewählte Forschungsprojekte des Instituts gewährt und Anforderungen an gesundheitsförderliche Quartiere abgeleitet. Unter anderem wurde die neue Bedeutung des Quartierszusammenhangs für ältere Menschen hervorgehoben. In einem weiteren Beitrag zur Zielgruppe älterer Menschen stellte Elke Dahlbeck (Gelsenkirchen) die Ergebnisse einer Bürgerbefragung aus einem Modellprojekt „Gut leben zu Hause im Quartier“ in zwei Quartieren in Leverkusen vor, bei dem es um soziale und gesundheitsbezogene Dienstleistungen vor Ort für ältere Menschen und deren konkreten Bedarfe geht. Unter anderem wurde die Bedeutung der Hausarztpraxis als „zentraler Ort“ und Anlaufpunkt im Quartier sowie die Bedeutung von direkten Angehörigen und Nachbarn hervorgehoben. Bianca Rodekohr (Münster) berichtete anschließend von inklusiver Sozialplanung im städtischen und ländlichen Raum. Sie stellte Forschungsergebnisse des Projekts SoPHiA vor, mit deren Hilfe partizipative, sozialräumliche Planungen für Menschen im Alter verbessert und die bisher voneinander abgekoppelten Säulen der Alten- und Behindertenhilfe im Sozialraum besser verknüpft werden könnten. Uwe Klein, Mario Nätke und Lisa Rösch (Berlin) diskutierten in ihrem Referat „Gesunde Familien – Gesundes Quartier“ die Möglichkeiten und Chancen der Förderung von „Familiengesundheit“ am Beispiel Treptow-Köpenick. Dabei wurden Befragungsergebnisse sowie bereits bestehende und geplante innovative Strukturen im Bezirk vorgestellt. Als perspektivische Stellschrauben wurden die regionale Qualifizierung, die betriebliche Gesundheitsförderung und lokale Bildungslandschaften genannt. In den letzten beiden Beiträgen dieses Blocks standen Kinder und Jugendliche im Fokus: Jan Abt (Berlin) skizzierte in seinem Beitrag „Gesund durch Beteiligung – Kinder und Jugendliche als Akteure einer gesundheitsfördernden Quartiersentwicklung“, wie eine bewegungsanregende Wohnumwelt für Kinder vorstellbar wäre und wie daraus eine umfassende Kinder- und Jugendbeteiligung in der Quartiersentwicklung v.a. mit dem Mittel der „Spielleitplanung“ zu erreichen ist. Wichtigstes Ziel sollte demnach sein, Möglichkeiten zum freien Spiel, also eine „bespielbare Stadt“ zu schaffen, was nur durch eine strategische gesamträumliche Verknüpfung zu erreichen ist. Eike Quilling und Merle Müller (Köln) beschäftigten sich schließlich mit dem gesunden Aufwachsen im Quartier am Beispiel des sozialräumlichen Modellprojekts „Netzwerk Porz-Finkenberg“. Anhand von Evaluationsergebnissen aus der Begleitforschung zu diesem Projekt wurden u.a. die Jugendhilfe sowie der Settingansatz diskutiert. Unter anderem wurde deutlich, dass gerade über Bewegungsangebote ein guter Zugang zu Kindern aufgebaut werden kann.

Den dritten thematischen Abschnitt („Quartier, soziale Ungleichheit und Gesundheit“) eröffnete Christa Böhme (Berlin) mit einem Grundsatzreferat über Umweltgerechtigkeit im städtischen Raum. So kommen in manchen Quartieren gesundheitsrelevante Umweltfaktoren und soziale Benachteiligungen zusammen, was zu einer Mehrfachbelastung der BewohnerInnen führt. Der Beitrag verwies u.a. auf Ergebnisse eines größeren Forschungsprojekts sowie auf die Idee eines Umweltgerechtigkeits-Monitorings und mündete in Strategieempfehlungen für die kommunale Praxis. Andrea Zumbrunn (Olten) thematisierte anschließend die Rolle der Sozialen Arbeit im Überschneidungsbereich von Stadtentwicklung und Gesundheitsförderung. In dem Kooperationsprojekt, dessen Ergebnisse präsentiert wurden, wurden Theorien und Konzepte aufgearbeitet, Schnittstellen ausgelotet und deren Praxisrelevanz anhand von Literaturrecherchen und Fokusgruppengesprächen überprüft. Für die Schweiz werden darin große Potenziale erkannt und ein Instrument der „Gesundheitsfolgenabschätzung“ empfohlen. An einem konkreten empirischen Fallbeispiel (das Projekt „Brunch am Grünanger“ in Graz) erläuterte daraufhin Kerstin Nestelberger (Graz), wie sich stadtteilbezogene Gesundheitsförderung im Setting Stadtteil verfängt. Unter anderem wurden Partizipation und Empowerment als entscheidende Erfolgsfaktoren für eine nachhaltige Gesundheitsförderung identifiziert und die Relevanz sozialer Interaktion für das Wohlbefinden hervorgehoben. Gleichzeitig wurde auch deutlich, dass die ursprünglich anvisierten Zielgruppen mit dem Projekt nur teilweise erreicht wurden. Alexander Fischer und Antje Focken (Hamburg) näherten sich dem Thema aus einer gesundheitsökonomischen Perspektive. Sie stellten ein Handlungskonzept für eine gesundheitsfördernde Stadtteilentwicklung im Hamburger Osten vor, mit dem die oft zu beobachtende Überlagerung sozialer Benachteiligung und Krankheit bzw. gesundheitsriskanter Lebensführung in bestimmten Stadteilen durch „regionale Kümmerer“ und intelligente Anreizsysteme verhindert oder abgeschwächt werden soll. Dabei wurde auf das zusammen mit Krankenkassen initiierte Pilotprojekt „Gesundes Kinzigtal“ verwiesen. Abschließend referierte Raphael Sieber (Dortmund) über sein Dissertationsprojekt, in dem er systematisch eruiert, inwieweit der Setting-Ansatz in Instrumente der Stadtplanung integriert oder integrierbar ist. Settings, so die These, führten, wenn sie konzeptionell in die Planung implementiert würden (also auch in ihrer sozialräumlichen Dimension), zu mehr Verteilungs- und Verfahrensgerechtigkeit.

Das breite Spektrum, die Qualität der Beiträge und die über den Tag verteilten lebhaften Debatten zwischen Vertretern der Kommunen, der Wissenschaft und der verschiedensten Disziplinen haben gezeigt, dass Fragen der kleinräumigen Beeinflussung von Gesundheitsfaktoren eine große Bedeutung zukommt. Gleichzeitig ist es wichtig, Austauschformate zu finden, über die die heterogenen Akteure miteinander ins Gespräch kommen können. Dies in einem anregenden „Setting“ zu ermöglichen, ist mit der AK-Tagung vorzüglich gelungen.

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