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Unter dem Aspekt der Urban Governance haben sich die Teilnehmenden des Seminars im Rahmen eines Planspieles mit der Frage auseinandergesetzt: „Von wem reden wir da eigentlich?“ Im hier dargestellten Kontext soll der Begriff der Urban Governance uns behilflich sein, in Abgrenzung zu klassischen Formen der exekutiven Steuerung (Government) Prozesse und Systeme der gesellschaftlichen Steuerung in der Stadt (und insbeosndere im Quartier) zu begreifen, wie sie seit einigen Jahren auch im deutschen Raum (zum Beispiel im Bund-Länder-Programm „Soziale Stadt“) praktiziert werden. Hierbei ist die Beteiligung unterschiedlicher Akteure und Akteursgruppen bei der Ausgestaltung regional- und kommunalpolitischer Aufgaben jenseits der gewählten politischen Strukturen von besonderer Bedeutung. Die gleichgewichtige Beteiligung von Akteuren aus dem zivilgesellschaftlichen, dem wirtschaftlichen und dem politisch-administrativen Raum – so die Annahme – führt dabei zu einer Übernahme des „problem-ownership“.
Das Planspiel „Das Gelände im Sonnenquartier“ sollte die Teilnehmenden in eine möglichst realistische Beteiligungssituation im Quartier versetzen: In der Form eines runden Tisches wurde über die Nachnutzung eines seit mehreren Jahren brach liegenden (fiktiven) Geländes verhandelt. Die Story: Der Bürgermeister des Stadtbezirks hatte in einer informellen Absprache einer großen Discountkette zugesagt, hier eine ihrer Filialen bauen zu können. Die Gefährdung der vielfältigen (teils nicht ganz legalen) Zwischennutzungen des knapp 3000 qm großen Geländes als grüne Fläche, Partyzone und für Nachbarschaftsfeste des Kiezes, rief bei Bekanntwerden der Pläne natürlich umgehenden Unmut der Bewohner des Quartiers hervor. So hatte der gewählte Quartiersbeirat gemeinsam mit einem externen Beratungsunternehmen die Aufgabe, zusammen mit Vertretern des Unternehmens, dem Bürgermeister, den Vertretern der lokalen Händler sowie drei verschiedenen Anwohnergruppen des Quartiers eine für alle akzeptable Nachnutzung des Geländes zu verhandeln.
Die Seminar-Teilnehmenden hatten keine Mühe, sich mit ihren Rollen zu identifizieren und mit Elan ihre Positionen zu vertreten. Die Herausforderungen bei einem solchen Verfahren wurden deshalb auch schnell deutlich: Die diversen am Tisch vertretenen Interessen schienen auf den ersten Blick nicht in einem Konsens münden zu können. Die Verhandlungsgeschicke und Kompromissbereitschaften einiger Akteure führten aber schließlich dazu, dass eine Einigung am Ende in Sicht war. So hat sich der Vertreter des Discounters auf eine kleinere Ladenfläche eingelassen und die Vertreter der zivilgesellschaftlichen Gruppen haben eine Teilnutzung in ihrem Interesse seitens des Bürgermeisters zugesichert bekommen. Mit dem Arbeitsauftrag den Vorschlag in den jeweiligen Akteursgruppen zu diskutieren, wurde ein weiterer Termin des runden Tisches vereinbart.
Das Erkenntnisinteresse der Sitzung war es einerseits, die diversen Handlungsmotive der einzelnen Akteure auf der Quartiersebene besser zu verstehen und dies in einem gemeinsamen Gespräch wesentlich konkreter zu machen. Andererseits wurden hier auch Probleme einer derartigen Beteiligung besprochen:
Wer legitimiert die Akteure zur Entscheidungsfindung?
Nehmen sie sich tatsächlich dem Problem uneigennützig an, oder vertreten sie ausschließlich ihre eigenen Interessen (problem-ownership)?
Und: ist die Beteiligung nicht nur eine Auslagerung der Probleme, um die sich eigentlich die demokratisch legitimierten Institutionen kümmern müssten?
Diskussionen hier im Blog sind sehr willkommen!
Für Hintergrundinfos zum Thema Urban Governance empfehlen wir folgenden Link zur Online-Zeitschrift “Städte im Umbruch”:
http://www.schrumpfende-stadt.de/downloads/2007_4.pdf
Ein Beitrag von Silvia Holley, Kelly Rowland, Sebastian Schlüter
Kommentar von:
Marian Günzel
Eingetragen am:
26.11.09
Auch an dieser Stelle wieder ein Kommentar von meiner Seite: ich finde Idee und Thema des Planspiels sehr gut!
Idee: Planspiele erleichtern meines Erachtens nach das "Hineindenken" und das "Erlernen" von Planung/Gestaltung in der Realität jenseits von theoretischen Abhandlungen in wissenschaftlichen Arbeiten (die ungeachtet dessen auf jeden Fall Grundlage jeder professionellen Behandlung des Themas bleiben sollten, keine Frage). Es zeigt aber vor allem auch eventuelle Bruchlinien, Praktikabilität von Mediationslösungen, Möglichkeiten der Vereinbarkeit verschiedener Interessenlagen, gesellschaftliche (Meta-)Diskurse etc.
Thema: Urban Governance ist ja gerade in den letzten Jahren ein sehr wichtiges Thema geworden und sollte uns auch weiterhin beschäftigen, gerade wenn man sich fachlich mit Fragen der Quartiersentwicklung auseinandersetzt (so scheinen nicht nur "Gentrification"-Konflikte in Berlin derzeit an der Tagesordnung: Brunnenstraße als vielleicht sehr aktuelles Beispiel, sondern auch anderswo erreichen diese Probleme/Konflikte eine nahezu neue Qualität wie z.B. im Hamburger Gängeviertel, aber dies sei an anderer Stelle zu diskutieren)
Meine Frage: Welche Antworten werden denn auf die im Seminar gestellten Frage gegeben? Ist eine schriftliche Abhandlung und/oder Auswertung dazu angedacht? Ich wäre sehr an einer Darstellung von Ergebnissen interessiert!
PS: Danke auch für den Link!
Kommentar von:
Sebastian Schlueter
Eingetragen am:
02.12.09
Vielen Dank für den Kommentar!
Die Stärke eines Planspieles in dem Kontext eines Seminars sind richtig erfasst. Denn die theoretische Auseinandersetzung ist die Grundlage für das Verständnis komplexer Steuerungsprozesse, doch gerade wenn es um konkrete Herausforderungen im Quartier geht, können Planspiele einen zentralen Mehrwert schaffen. Denn so gelingt es, auch die gesellschaftlichen Diskurse kritisch zu hinterfragen und kreative Lösungsansätze aufzuzeigen. Da es hier nicht zwingend um "alles" geht, können Alternativen auf den Tisch kommen, die es sonst vielleicht nicht in die praktische Umsetzung schaffen würden. Als Instrument der Erwachsenenbildung ist dies meines Erachtens gerade auf der Verwaltungsebene unverzichtbar und sollte ein Bestandteil der Erörterung von praktischen Lösungswegen sein.
Klare Antworten zu den aufgeworfenen Fragen sind auch im Kontext des Seminars nicht gefunden worden. Anliegen war es vielmehr, die hier (siehe Einleitungstext von Fürst in angegebener Publikation) in der Theorie formulierten Charakteristika von Urban Governance einer praktischen Prüfung zu unterziehen. Dies gelingt in einem 90 minütigen Seminar dabei leider nicht umfassend. Eine Auswertung ist im Rahmen der Erstellung eines ausführlicheren Planspiels (welches dann auch in der politischen Praxis Anwendung finden könnte) in Vorbereitung.
Gerne lasse ich Ihnen, Frau Günzel, dieses dann auch gerne zukommen.
Kommentar von:
Marian Günzel
Eingetragen am:
03.12.09
Vielen Dank für die Antwort,
ich wäre sehr an besagter Auswertung interessiert. Wenn diese also zur Verfügung steht, würde ich mich sehr über Post an: "marian.guenzel@tu-dresden.de" freuen!
PS: In diesem Fall ist der Name "Marian" männlich ;o) Die Verwechslung passiert mir aber gerade im Schriftverkehr so häufig, dass ich es mit Humor nehme und in keinster Weise böse darüber bin!