Arbeitskreis Quartiersforschung

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» Teil 5 (Outdoor): Luxusquartiere: Lofts, Townhouses, Gated Communities
Eingetragen von Olaf Schnur am 02.12.09

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Beispiel für eine Gated Community: “Arcadia Potsdam”

Gated Communities entstehen durch die „Privatisierung des Öffentlichen Raums durch Einfriedung und Ummauerung von Gemeinden“ (nach Lichtenberger). Es ist ein anhaltender Prozess, der seit den 1980er Jahren vor allem in amerikanischen Städten stattfand. Gated Communities kommen meist in Ländern mit erheblichen sozialen Unterschieden vor. Deshalb sind sie heute in Megacities der Entwicklungs- und Schwellenländer, den USA, aber auch teilweise in Europa verbreitet. Konkret handelt es sich um bewachte Wohnsiedlungen, die teilweise eigene Infrastrukturen aufweisen. Gründe für die Entstehung von Gated Communities (nach Gaebe) können die Selbstpriviligierung, das Abgrenzen von anderen oder die Suche nach Sicherheit sein. Nach Blakeley und Snyder lassen sich drei Haupttypen der Gated Communities unterscheiden: Das sind zum einen Quartiere für spezifische Lebensstile, d. h. Siedlungen z. B. für Pensionisten, empty-nest-Haushalte, für gemeinsame Freizeitaktivitäten wie etwa bei Anlagen im Golf- bzw. Country-Stil. Zweitens gibt es geschlossene Siedlungen, die sich aufgrund eines Sicherheitsbedürfnisses (Schutz vor Kriminalität) entwickeln. Hier entstehen Gated Communities durch die Einzäunungen von bereits bestehenden Wohngebieten von Mittelschichten. Außerdem existieren Gated Communities, die den Exklusivitätsanspruch von Eliten und Reichen ansprechen und befriedigen. Nach Fassmann ist das Entstehen dieser Art von Gated Communities Ausdruck der neuen sozialräumlichen Polarisierung der postmodernen Stadt. Der Preis für ein bestimmtes Objekt ist die Garantie dafür, dass nur die „richtigen“ Bewohner einziehen können. Segregation ist erwünscht und wird auf Dauer angestrebt, sodass eine homogene soziale Umwelt entstehen kann, in der Armut und Elend aus dem Sichtfeld rücken sollen. Das Wort „gating“ bezieht sich hier zum einen auf die materielle Trennung von der Außenwelt durch Mauern und Zäune, aber auch auf die virtuelle Separierung vom Rest der Gesellschaft.

Planung und Entwicklung von “Arcadia Potsdam”

Die Arcadia-Siedlung liegt am Glienicker Horn an der Havel in Potsdam auf einem 23 000m² großen Gelände, welches zum UNESCO Weltkulturerbe gehört.
Der Quadratmeter exklusives Wohneigentum kostet hier zwischen 3000 und 5500 Euro. Der Altersdurchschnitt liegt bei über 60 Jahren. Ab Mitte der 1990er Jahre wurden 45 Wohnungen in sieben Villen geplant und gebaut. Im Mai 2008 wurde dann das letzte Luxusapartments der Anlage verkauft.

Sicherheit

Das Anwesen ist umgeben von einem Zaun mit zahlreichen Überwachungskameras. Das Pförtnerteam ist 24 Stunden erreichbar und führt Eingangskontrollen durch. Infrarotkameras, Bewegungs- und Erschütterungsmelder am Zaun sorgen für zusätzliche Sicherheit. Der Aspekt der Sicherheit ist das wichtigste Verkaufsargument dieser bewachten Wohnsiedlung, obwohl die Zahl der Wohnungseinbrüche in Deutschland laut Bundeskriminalamt in den vergangenen zehn Jahren um fast ein Drittel zurückgegangen ist.

Links zum Thema “Arcadia Potsdam”

http://www.sueddeutsche.de/immobilien/870/318743/text/
http://ef-magazin.de/2008/08/26/603-gegenkulturelle-kommunen-heute-die-arcadia-potsdam
http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,656192,00.html
http://www.youtube.com/watch?v=y84IHoc8nZE

Beispiel “Marthashof Urban Village”

Entwicklungspfade

Das heutige Bauprojekt “Marthashof Urban Village” in der Schwedterstrasse übernahm den traditionellen Namen der damaligen, dort stehenden, Mägdeherberge. Um 1800 zogen viele junge, unerfahrene Mädchen, die hofften, in der großen Stadt Arbeit und ihr Glück zu finden, nach Berlin. 1855 gründete Pfarrer Theodor Fliedner am Verlorenen Weg Berlin eine Mägde Herberge. Die von der Kaiserswerther Diakonisse geleitete Einrichtung sollte neu in Berlin ankommenden Mädchen eine Unterkunft und Schutz geben. Während der Zeit wurden dort Schulen und Kindertagesstätten eröffneten und fand großen Anklang bei der lokalen Bevölkerung. In den Nächten vom 22. und 23. November 1943 wurde der Marthashof im Bombenhagel völlig zerstört. Danach wollte man das Grundstück den sozialen Zwecken wieder zuführen, sobald die Wirtschaftslage eine Wiederherstellung der Gebäude es ermöglichte.
1958 sind die Gebäude und die Grundstückseinfriedung derart verfallen, dass die Ruinen auf Betreiben der Bauaufsicht abgerissen werden müssen. 1968 errichtet die Firma Ko-Impex, eine Außenhandels- und Devisenbeschaffungsfirma der zentralen Planwirtschaft, ein Bürogebäude für ca. 100 Mitarbeiter. Seit der Wende stehen die Baracken viele Jahre leer und das Gelände bleibt weitgehend ungenutzt. Seither standen ein Schulneubau, die Expansion einer Biotechnologiefirma und ein Stadtpark zur Debatte. Alle Projekte wurden aber wieder verworfen. Anstatt dessen entschied ein ausgeschriebener Wettbewerb über die Fläche.

Die Anbieterperspektive

Heute baut dort der Investor STOFANEL das “Urban Village Marthashof” auf knapp 13.000 qm. Unter dem Motto „Schöner wohnen“ haben sich die Begründer der Stofanel Investment AG bei der Gestaltung des Projektes Marthashof (http://www.marthashof.de/) zum Ziel gesetzt, im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg ein “urbanes Dorf” zu bauen. Den Kunden wird „Lebensqualität ohne Kompromisse“ versprochen. In u-förmiger Blockbebauung werden über 130 Wohneinheiten errichtet, in denen “italienische Kreativität und deutsche Qualität” vereint werden sollen. Ab einem Quadratmeterpreis von 3.000 € können die Käufer zwischen vier verschiedenen Haustypen wählen; Garden House, Penthouse, Townhouse und Central House. Entworfen wurden die Häuser von den Architekten Armand Grüntuch und Almut Ernst, deren Anspruch es ist Natur und Funktionalität in Einklang zu bringen. Große Fensterfronten, weite Räume, Dachterrassen und Loggien lassen sich in der Architektur wieder finden. Erdwärme, Fassadenbegrünung und Regenwasser-Auffangsysteme sollen den ökologischen Anspruch kennzeichnen. Die Wohneinheiten umgeben einen 3000m² großen Gartenhof, der zumindest tagsüber öffentlich zugänglich sein soll. Dort werden Spielplätze, Liegewiesen, Wasserspiele und ein Pavillon zu finden sein.


Die Perspektive der Anliegerinitiative Marthashof (AIM)

Die Anliegerinitiative Marthashof (AIM) entstand im Frühjahr 2008. Die Bewohner der Oderberger Str., Schwedter Str. und der Kastanienallee mussten feststellen, dass an ihnen vorbei geplant worden war. Das neue “Marthashof Urban Village” gaukelt ihrer Meinung nach eine schöne neue Welt vor, die die Atmosphäre des Kiezes nutzt um sie kommerziell zu verwerten. Die Anwohner haben Angst davor, dass sich ihr Kiez von einer vielfältigen Gegend zu einer Umgebung für »Besserlebende« mit einschlägiger Infrastruktur entwickelt.

Die Gründe für ihren Protest entwickelten sich aufgrund der Kommunikationsfehler, die zu Anfang des Bauprojekts entstanden. Bürgerbeteiligung fand nicht statt. Da kein Bebauungsplan für die Baulücke nötig war, wurden weder Grünflächen noch Geschosshöhe festgelegt. STOFANEL baut ihrer Meinung nach zu hoch und zu nah an die bestehenden Häuser heran. Außerdem beschweren sich die Bürger über die unpassende Blockrandbebauung, die untypisch für ihren Kiez sei. Ihrer Meinung nach bestehe keinerlei Einbindung in die bestehende Baustruktur. Des Weiteren bestünde kein historischer Bezug zum ehemaligen Marthashof, obgleich STOFANEL den traditionellen Namen für ihre Zwecke nutzt. Da von Seiten der Investoren wenig Entgegenkommen zu erwarten sei, plant AIM mehrere Aktionen, um ihren Unmut über das geplante Projekt zum Ausdruck zu bringen. Ihre Strategie beinhaltet Gespräche und Verhandlungen mit den Investoren, um Ergebnisse zu erzielen, die den Anwohnern nützen. Des Weiteren ist ihr Ziel, das „soziale“ Image der Investoren zu dekonstruieren und darauf hinzuweisen, dass mit dem neuen Projekt jegliche soziale Ausrichtung der historischen Herberge verloren geht. Öffentliche Briefe an politische Entscheidungsträger sollen deren Interesse wecken und auf die Ungerechtigkeiten in der Vorplanung hinweisen. Vor allem auf den Mangel an Bürgerbeteiligung soll energisch hingewiesen werden. Mit gezielter Pressearbeit, mit Hilfe von Medien als Protest- & Infoplattform (z.B. http://www.marthashof.org), soll das “Urban Village Marthashof” stets kritisch begleitet und auch Mitbürger zum Denken und Handeln aufgefordert werden.

Autorinnen: Susanne Arnold, Sandra Przadka, Julia Schettler und Theresa Löwenstein

» Kommentare
Zu diesem Beitrag existieren aktuell 1 Kommentare.
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  • Kommentar von:
    Olaf Schnur
    Eingetragen am:
    02.12.09

    Der Rundgang in Berlin-Mitte und Prenzlauer Berg hat eindrücklich gezeigt, dass hier - trotz Finanzkrise - eine enorme Dynamik vorherrscht. Zu begründen ist dies mit einer für Anbieter lukrativen "Knappheit" im Luxuswohnsegment Berlins. "Mathashof" ist nur ein herausragendes von zahllosen weiteren, auch kleineren Projekten, welche die derzeit eher noch von Mittelschichten geprägten innerstädtischen Wohnquartiere vermutlich nachhaltig verändern werden. Es ist zu vermuten, dass sich die Umgebung zumindest in einigen Innenstadtquartieren allmählich an die neue zahlungskräftige Bewohnerschaft und deren Normen und Wertvorstellungen anpassen wird: Andere Geschäfte, andere Gastronomie, restriktiver genutzter öffentlicher Raum o.ä., also Adaptionen an Bewohner mit anderen Lebensstilen, reich ausgestattet Ressourcen und Deutungsmacht. Es stellt sich die Frage, inwieweit wir es akzeptieren wollen, dass sich die zunehmende soziale Polarisierung auch im gebauten Stadtraum so unmissverständlich niederschlägt. Sind Diversität, Dialog, Inspiration, Toleranz und Begegnung mit dem "Anderen", ggf. auch anonyme Ignoranz (jedoch ohne sich abzuschotten) nicht Ausdruck von Urbanität und innerstädtische Quartiere nicht der Ort, an dem diese Urbanität gelebt werden will?

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