Arbeitskreis Quartiersforschung

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» Teil 12: Quartiere im demographischen Umbruch - ein Mini-Szenarioworkshop
Eingetragen von Olaf Schnur am 15.02.10

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„Superrentner wird Superstar verdrängen“ kommentiert Ute Welty im Rahmen der ARD-Themenwoche zum demographischen Wandel (20.-26. April 2008). Gängige Schlagworte in Bezug auf zukünftige Bevölkerungsentwicklungen lauten: weniger, grauer, bunter und vereinzelter. Veränderte Alters- und Haushaltsstrukturen und eine veränderte soziale und ethnische Zusammensetzung lassen sich als Indikatoren für einen Wandel in Stadtquartieren (insbesondere in Wohnquartieren) ausmachen. Dennoch gibt es kaum Erkenntnisse darüber, welche Prozesse sich kleinräumig während des demographischen Wandels vollziehen.

Die Entwicklung von Szenarien ist eine Methode, die mögliche zukünftige Entwicklung von Wohnquartieren aufzeigen kann. Ziel von Szenarien ist es, im Gegensatz zu den klassischen Prognosearten wie Trendprojektionen, sich anbahnende, aber nicht aus den Daten ablesbare Möglichkeiten und Gefahren aufzuzeigen und auf diskontinuierliche Veränderungsprozesse im Quartier aufmerksam zu machen.

In einem simulierten “Mini-Szenarioworkshop” sollten die Teilnehmer des Seminars nachvollziehen, wie und zu welchem Zweck Szenarien eingesetzt werden. Dabei sollten zwei Gruppen je 5 Personen ein Negativ-Szenario für das Jahr 2025 entwerfen, ausgehend davon, dass die Kommune und alle weiteren Akteure allenfalls reaktiv in das Geschehen eingreifen. Zwei weitere Gruppen gleicher Teilnehmerzahl hatten zur Aufgabe ein Positiv-Szenario für das Jahr 2025 erstellen, und sollten dabei davon ausgehen, dass die Kommune und alle weiteren Akteure (pro)aktiv handeln.

Die Grundlage für den Workshop bildete eine fiktive Großwohnsiedlung am Rande einer ostdeutschen Stadt mit 300.000 Einwohnern, einer Leerstandsquote von 26% und einem Durchschnittsalter von 44 Jahren. Darüber hinaus erhielten die Teilnehmer eine ausführlichere Datengrundlage, die den Quartierstyp und weitere Indikatoren genauer charakterisierte. Ausgehend von dem Datenmaterial sollten die verschiedenen Szenarien für die Großwohnsiedlung kreativ durchdacht und im Anschluss daran präsentiert werden.

Die möglichen zukünftigen Entwicklungen der Großwohnsiedlung wurden erwartungsgemäß unter verschieden Perspektiven betrachtet. Ein Negativ-Szenario ging von der Idee aus, dass sich in dem Quartier, welches nicht mehr zu retten und leer gezogen sei, die Natur den Stadtraum zurückerobere. Weitere Negativszenarien beinhalteten den verlustreichen Verkauf von Bestandsobjekten oder ein soziodemographisches Fiasko, welches in der Bildung einer Seniorenbürgerwehr gipfele. Die Positiv-Szenarien gingen jeweils von einer Imageverbesserung des Quartiers aus. Die Maßnahmen erstreckten sich über die Möglichkeiten der Errichtung von Mietergärten (Image: „Wohnen im Grünen“) bis hin zur Konzeption von Freizeit- und Erholungsmöglichkeiten, die mit der grünen Umgebung korrspondieren. Dabei stellte sich heraus, dass beide Gruppen des Positiv-Szenarios zielgruppenorientiert arbeiteten, wobei eine Gruppe eher unternehmerisch dachte und die Zielgruppe (="Suburbaniten") relativ eng definierte, während in der zweiten Gruppe eher inkrementalistisch geplant wurde und die Entwicklung auf verschiedene Zielgruppen (junge Familien und Senioren, unterschiedliche Lebenstile) ausgerichtet wurde.

Trotz der sehr knappen Zeit zur Erstellung der Szenarien im Rahmen des Seminars ist deutlich geworden, dass mit Hilfe dieser Technik Zukünfte überhaupt erst systematisch “denkbar” werden und somit eine Vielfalt von Zukunftsentwürfen entsteht. Die Szenarien können so gegebenenfalls als „Spiegel“ zukünftiger Realitäten fungieren. In punkto Methodik zeigte sich auch, dass Szenarien in verschiedene Richtungen gelenkt werden können, je nach dem welche Schlüsselfaktoren von den Erstellern ausgewählt werden. Diese Komplexitätsreduktion ist eine in den meisten Fällen (so auch in unserem Workshop) notwendige und methodisch zu reflektierende “Manipulation”, weil langfristige Entwicklungen und die damit zusammenhängenden quartiersspezifischen Probleme überkomplex sind. Die Teilnehmer stellten fest, dass sie zu einem starken Jetzt-Bezug neigten und sich, insbesondere bei den Positiv-Szenarien, zu sehr an vorhandenen, bereits bewährten Maßnahmen orientierten.

Insgesamt wurde deutlich, was die Entwicklung von Szenarien leisten kann und dass es sich um einen fruchtbaren Ansatz handelt, um überkommene Denkstrukturen aufzubrechen und Verkrustungen zu lösen. Entscheidungsträger in Quartieren, die vom demographischen Wandel betroffen sind, könnten in (ausführlicheren) Szenarienworkshops dieser Art erkennen und sich bewusst werden, warum es keine gute Idee ist, eine passive und reaktiv ausgerichtete Quartiersentwicklungs- oder Bestandspolitik zu betreiben.

Autorinnen: Anna Gehlke und Franziska Hofmann

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