Arbeitskreis Quartiersforschung

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» Tagungsbericht des AK-Treffens in Stuttgart 2011
Eingetragen von Olaf Schnur am 07.11.11

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Das diesjährige Jahrestreffen des AK Quartiersforschung der Deutschen Gesellschaft für Geographie fand am 21. und 22. Oktober in Stuttgart statt. Rund 40 Fachpersonen aus Wissenschaft und Praxis nahmen an der von Philipp Zakrzewski vom Institut für Raumordnung und Entwicklungsplanung der Universität Stuttgart IREUS beherbergten und von der Wüstenrot Stiftung finanziell unterstützen Tagung teil.

Analog zu den vergangenen Jahren begann die Tagung mit einem Stadtspaziergang. Unter der fachkundigen Führung von Gökay Sofuoğlu, dem Leiter des internationalen Stadtteilzentrums “Haus 49” in Stuttgart-Nord (http://www.haus49.de) wurde uns die Transformation eines ehemaligen Eisenbahnerviertels mit begleiteten Aufwertungsmaßnahmen verdeutlicht. An manchen der Orte, die uns gezeigt wurden, kontrastierte Gökay Sofuoğlu die städtischen Absichten der “Veredelung” des Quartiers mit den eigentlich funktionierenden Strukturen auf der Ebene der Bevölkerung. Auch im Hallschlag, dem Quartier, das uns im zweiten Teil der Exkursion von den Mitarbeitern der Stadt Stuttgart Stefanie Ender (Abteilung Integration)und Michael Benda (Abteilung Stuttgarter Bildungspartnerschaft) gezeigt wurde, wurden Diskrepanzen zwischen „von oben“ implementierten Maßnahmen und der Lebenswirklichkeit der Bewohne-rInnen thematisiert.

Die in der Stadtexkursion angesprochene Problematik fand ihre wissenschaftliche Fundierung in den Vorträgen. Dirk Gebhardt (Eurocities, Brüssel) eröffnete die Tagung mit einem Überblicksbeitrag. Nach Dirk Gebhardt erleben wir in der Integration-Governance eine Europäisierung der Integrationspolitik (soft policy der EU durch gemeinsame Grundprinzipien, MinisterInnentreffen, Integrations-Handbücher und Module); diese Europäisierung wird durch einen horizontalen Austausch von best practices bzw. “copy und paste"-Konzepten zwischen Städten und Mitgliedsstaaten begleitet. Daraus resultiert ein stärkerer Zwangscharakter von Integrationspolitik, der beispielsweise in Integrationsverträgen und -kursen zum Ausdruck kommt. Neben diesen Vereinheitlichungstendenzen sind andererseits aus den relativ stabilen (oder so diskutierten) Staats- und Citizenship-Modellen unscharfe Rahmen geworden, innerhalb derer sich sehr verschiedene lokale Modelle von Integrations- und Inklusionspolitik herausbilden. Das Quartier ist in dieser Systematik zwar noch keine bedeutende Steuerungsebene, gleichzeitig aber die wichtigste, mit größter Alltagsnähe ausgestattete Ebene der Integrationspolitik. Dirk Gebhardt zufolge hat bisher noch keine systematische „Integration“ zwischen der „Integrationspolitik“ und der integrierten Stadtentwickung in benachteiligten Gebieten stattgefunden, was auch die Verstetigung erfolgreicher Pilotprojekte erschwert.

Thematisch zwischen Studien zu migrantischen Quartiersnetzwerken und Herkunftsmilieus angesiedelt war der Beitrag von Oktay Aktan (Dortmund/Potsdam). Am Beispiel der Amateurfußballspieler türkischer Herkunft in Berlin arbeitete er Rekon-struktionen ihrer Zugehörigkeit zu sozialen und lokalen Räumen auf. Oktay Aktan zeigte transnationale Beziehungen der jungen Menschen, konstruierte emotionale Dispositionen, die den Transfer in die Türkei und zurück nach Berlin begründeten und problematisierte die Annahme kollektiver Wahrnehmungs-, Deutungs- und Handlungsmuster von Fußballspielern in türkischen Fußballvereinen.

Anke Breitung (Eichstätt/Ingolstadt) stellte in ihrem Vortrag “Identitätsbildung im Stadtteil – Bedeutung von Migration und Interkulturalität für die Entstehung heterotoper Stadträume” die Rolle von Stadtteilen und Quartieren im Rahmen von Leitbildern, Förderprogrammen und ‐zielen heraus. Gerade Stadtteile mit einem hohen Anteil an Personen mit Migrationshintergrund stehen für sie dabei in einem speziellen Fokus. Denn der öffentliche Raum gilt als Instrument zur Förderung von Integration und multikultureller Kommunikation, was bedeutet, in einem Prozess permanenter Zerrissenheit und gleichzeitig immerwährender Konstruktion und Neukonstruktion von Identitäten zu planen. Räume werden so zu Produkten sozialer Aushandlungsprozesse. Besonders MigrantInnen haben dabei mit einer kulturellen Gespaltenheit und Zerrissenheit zu kämpfen, sie ringen permanent mit der Aushandlung und Verortung ihrer selbst und befinden sich metaphorisch in einem sogenannten „dritten Raum“ oder einem Raum des Dazwischen (Bhabha).

Stärker auf Aspekte der Wahrnehmung konzentrierte sich der Beitrag von Mareike Boller (Köln) mit dem Titel “Stadt im Kopf – Quartiere mit besonderem Entwicklungspotential”. In Köln-Mülheim (vielfach auch das “Armenhaus Kölns” genannt) führte sie Methoden der Sozialraumanalyse durch, um die unterschiedlichen Positionen von institutionellen Akteuren auf der einen Seite und BewohnerInnen auf der anderen Seite gegenüberzustellen. Dabei stellte sie durchaus unterschiedliche inhaltliche Bedeutungen, Vorstellungen über Maßnahmen vor Ort und den Prozess der Umsetzung fest. Diese städtischen “gelebten” Realitäten bilden für Mareike Boller ein Potential für die Quartiersentwicklung. Integration und Identität sollten laut Mareike Boller nicht eindimensional, sondern als ein mehrdimensionales Konzept betrachtet werden. Mehrdimensionalität bedeutet in diesem Zusammenhang eine Verknüpfung von lokaler Identität mit einer Migrationsgeschichte.

Die Perspektive türkeistämmiger EigentümerInnen in segregierten Gebieten bei Prozessen sozialer und räumlicher Mobilität stellte Heike Hanhörster (Dortmund) vor. Ihr Blick richtete sich auf Standortentscheidungen; dazu wurden halb-strukturierte Interviews mit rund 30 EigentümerInnen geführt, die in einem segregierten Quartier Eigentum erworben hatten bzw. die im Zuge ihres Eigentumserwerbs aus ihrem alten Quartier fortgezogen sind. Deutlich wurde, dass mit der Standortentscheidung zumeist ein Kompromiss zwischen unterschiedlichen Bedürfnissen der Haushaltsmitglieder gefunden wird. Entsprechend ist mit der Entscheidung auch eine Kompensationsstrategie von Defiziten verbunden. Erste Analyseergebnisse weisen beispielsweise darauf hin, dass fortgezogene Haushalte auch weiterhin enge Bindungen an das Quartier haben, die sich teils auch in bürgerschaftlichem Engagement in Vereinen und Stadtteilinstitutionen im „alten“ Stadtteil niederschlagen. Von der Wahl des Wohnquartiers kann entsprechend nicht unmittelbar auf die jeweiligen Aktionsradien, die Reichweite sozialer Netzwerke sowie die Verbundenheit mit dem Quartier geschlossen werden.

Kristin Müller (Berlin) vertiefte die Diskussion mit ihrem Beitrag “Genossenschaftliches Wohnen und Leben als Integrationspotential für türkischstämmige Bewoh-ner/innen”. Hauptbestandteil der empirischen Untersuchung war die Befragung von insgesamt 100 deutschen und türkischen Genossenschaftsmitgliedern zu ihrer Wohn- und Lebenssituation. Integrative Ansatzpunkte von Wohnungsgenossenschaften auf struktureller Ebene ortete sie in den Bereichen Wohnsicherheit und Wohnqualität, im Bereich sozialer Integration durch moderierte Nachbarschaften sowie im Bereich Partizipation über die Gremien von Genossenschaften und auf identifikativer Ebene über die „genossenschaftlichen Werte“. Die Ergebnisse der empirischen Untersuchung zeigten, dass genossenschaftliche Strukturen die Integration von MigrantInnen auf wesentlichen Ebenen befördern können. Deutsche und insbesondere Mitglieder mit türkischem Migrationshintergrund lebten in den Genossenschaften in besseren Wohnstandards als in der vorherigen Wohnform und erlebten vor allem auch einen signifikant besseren „Service des Vermieters“. Auch das nachbarschaftliche Zusammenleben wurde durch die Genossenschaften gestärkt. Der Bereich „Partizipation“ entfaltet dagegen bislang kaum migrationsspezifische Integrationseffekte. Zwar existieren satzungsgemäß in allen Genossenschaften die Mitbestimmungsgremien, allerdings beteiligen sich sowohl türkische als auch deutsche Mitglieder bislang nur in geringem Maße.

Malte Bergmann
(Berlin) steuerte einen Beitrag zu hybriden räumlichen Netzwerken migrantischer Ökonomien bei. Auf der Basis einer Feldforschung und von qualitativen Interviews, rekonstruierte er die ökonomische Verankerung von UnternehmerInnen mit arabischem Migrationshintergrund in Berlin-Neukölln. Die Fallbeispiele zeigten eine Mischung von ökonomischen Vernetzungen zwischen lokaler Verbundenheit und translokalen Bezügen auf. Der untersuchte Straßenzug war in den vergangenen Jahren zu einem Zentrum für arabische Gewerbe geworden. Wie in vielen anderen deutschen Städten auch, waren es MigrantInnen, die nach Jahren des Niedergangs und Leerstandes die Straße wieder belebten. Die Gewerbetreibenden berichten mit Stolz, dass sich die Straße unter „arabischen Leuten“ einen Namen in ganz Deutschland und Europa gemacht hat. In der Feldforschung wurden Kontakte zu zehn Unternehmer/innen aufgebaut und teils informelle Gespräche, aber auch ausführliche Interviews durchgeführt. Dabei zeigte sich, dass die Unternehmensgründungen der Befragten ausschließlich mit Hilfe des nahen Familiennetzwerks erfolgten. Die Gründe für diese informellen Finanzierungsmodelle werden zum Teil durch Religion begründet, in den meisten Fällen muss - so Malte Bergmann - davon ausgegangen werden, dass keine Bank bereit gewesen wäre eine Finanzierung zu übernehmen. In mehreren Fällen zeigt sich, dass die enge Einbindung in Familiennetzwerke nicht im Kontrast zu räumlich und sozial weit entfernten Verbindungen steht. Doch so informell organisiert, experimentell gegründet und mit geringem Kapital ausgestattet viele Fälle auch sind, so flexibel und anpassungsfähig verläuft oft die Geschäftsentwicklung. Diese richtet sich häufig nach der deutschen Kundschaft und deren Erwartungen an das „Orientalische“ aus.

Eben dieses Spannungsfeld einer Integrationspolitik, die zwischen Konformität, Interkulturalität und Transkulturalität oszilliert, thematisierte Christina West (Mannheim). Auf nationalstaatlicher Ebene wird für Christina West entlang eines tradierten nationalen Selbstverständnisses von Gesellschaft, über welches Identität und somit Zugehörigkeit zum Kollektiv konstruiert wird, ein Verständnis von Integration und integrationspolitischen Grundsätzen entwickelt. Faktische Integrationsarbeit hingegen wird auf der lokalen Ebene geleistet. „Zugehörigkeit“ und Identität wird dabei entlang unterschiedlicher Wertorientierungen und sozialen Kontakten verschiedener räumlicher Reichweiten konstruiert. Gestützt sieht Christina West diese Hypothese durch die Beobachtung, dass sich die Begrifflichkeiten in den einzelnen räumlichen und sozialen Kontextebenen verändert haben. In den Stellungnahmen zum Themenfeld „Integration“ wird von Seiten der VertreterInnen aus Politik, Verwaltung ebenso wie aus Verbänden, Bildungseinrichtungen, sozialen und gemeinnützigen Einrichtungen etc. zunehmend das Konzept der „Interkulturalität“ und damit die Forderung nach einem bewussten und sorgsamen Umgang mit Differenz in den Vordergrund gerückt, und der Begriff der Integration scheinbar ersetzt. Gleichzeitig erscheint Integration auf individueller Ebene heute mehrdimensional und findet nicht nur durch Teilhabe in den verschiedenen gesellschaftlichen Funktionssystemen (Ökonomie, Soziales, Kultur, Politik etc.) statt, sondern auch über neuartige Identitätskonstruktionen, die sich hybrid und transgressiv jenseits nationaler oder ethnischer Zugehörigkeit vollziehen.

Im Ländervergleich nahm Florian Weber (Erlangen/Nürnberg) das Konzept der Kulturellen Differenz auf und analysierte die politische Logik quartiersbezogener Stadtpolitiken in Deutschland und Frankreich. Während in Deutschland der Ausländeranteil offiziell ein Kriterium zur Gebietsauswahl der „Soziale Stadt“-Quartiere ist und die „Integration von Migrantinnen und Migranten“ seit 2005 einen Maßnahmenschwerpunkt der Sozialen Stadt darstellt, kommt in Frankreich ein vergleichbarer Indikator nicht zum Tragen. Auch in den politischen Ausrichtungen werden offiziell keine spezifischen Maßnahmen für EinwandererInnen bzw. MigrantInnen gefördert. Diese auf den ersten Blick recht deutlich anmutenden Unterschiede in der Berücksichtigung von „kultureller Differenz“ in den area-basierten Stadtpolitiken in Deutschland und Frankreich stehen nach Florian Weber in engem Verhältnis zu den jeweiligen Gesellschaftskonzeptionen. Politisch setze sich immer stärker die Vorstellung von Deutschland als Einwanderungsland durch, womit MigrantInnen in politischen Maßnahmen stärker berücksichtigt werden. Frankreich könne zwar auf eine lange Einwanderungsgeschichte zurückblicken, allerdings erfolge eine „Integration“ in die französische Gesellschaft vor dem Hintergrund des französischen Gleichheitsideals in die französischen Werte und Normen. ImmigrantInnen werden in diesem Verständnis in die Gesellschaft inkludiert und „kulturelle Unterschiede“ ausgeblendet, was eine spezifische Förderung weder sinnvoll noch möglich erscheinen lasse.

Die Tagung, die von lebhaften, intensiven Diskussionen begleitet war, endete mit einer Abschlussdebatte, in der die große Relevanz des Tagungsthemas und die Notwendigkeit weiteren fruchtbaren Austauschs dieser Art betont wurden – ggf. auch unter noch stärkerer Einbindung weiterer Akteure wie etwa der Wohnungswirtschaft.

Ein Sammelband der Tagung ist in Vorbereitung und wird voraussichtlich im kommenden Jahr in der Reihe Quartiersforschung im VS-Verlag erscheinen.

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