Arbeitskreis Quartiersforschung

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Eingetragen von Olaf Schnur am 30.03.11

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Bericht zur Jahrestagung des AK Quartiersforschung

am 11. und 12. November 2010 in Köln


Nach der Auftaktveranstaltung in Bayreuth (2007, begleitet durch den thematischen Sammelband „Quartiersforschung. Zwischen Theorie und Praxis“ im VS-Verlag 2008), den Themen „Governance in der Quartiersentwicklung“ (Berlin 2008, erschienen als gleichnamiger Sammelband im VS-Verlag 2009) und “Quartiere im demographischen Umbruch” (Wien 2009, erschienen als gleichnamiger Sammelband im VS-Verlag 2010) stellte der AK Quartiersforschung 2010 erneut ein aktuelles Thema in den Mittelpunkt seiner Jahrestagung in Köln: „Nachhaltige Quartiersentwicklung. Zur Wirkkraft eines normativen Konzeptes.“ Trotz aller Kritik am Konzept der Nachhaltigkeit erleben wir seine Renaissance in der jüngeren Siedlungsentwicklung. Im Quartierskontext wurde Nachhaltigkeit bislang jedoch noch nicht eingehender diskutiert. Es stellten sich für die Tagung deshalb einige Grundfragen, wie z.B.: Inwiefern kann das Quartier als Bezugsebene einen Beitrag zur Nachhaltigkeit leisten? Werden nicht die Bedingungen für Nachhaltigkeit andernorts diktiert? Wie weit ist die Forderung, wirtschaftliche, ökologische und soziale Ziele gleichberechtigt in Quartieren zu fördern, überhaupt realistisch?

Die Tagung begann mit einer von Hans-Georg Kleinmann geleiteten Exkursion ins autofreie Viertel Köln-Nippes als Modell für eine nachhaltige Quartiersentwicklung mit interessanten Einblicken in Planungsdetails und partizipative Strukturen. Darüber hinaus konnte man einen ersten Eindruck davon gewinnen, wie hoch die Lebensqualität und Wohnzufriedenheit in diesem „nachhaltigen“ Quartier offenbar sind.

Das am nächsten Tag folgende, umfangreiche Tagungsprogramm selbst wurde in vier Themenblöcke strukturiert und kann hier keineswegs so dokumentiert werden, dass es den Ausführungen Referentinnen und Referenten gerecht würde. Wir verweisen jedoch gerne auf den Downloadbereich dieser Website, wo sämtliche Powerpoint-Vorträge vorliegen, sowie auf einen Tagungsband, der sich derzeit in Vorbereitung befindet und noch 2011 in der Reihe „Quartiersforschung“ im VS-Verlag erscheinen wird. Dennoch sollen hier kurz alle Beteiligten bzw. Tagungsbeiträge Erwähnung finden.

Themenkreis 1 („Nachhaltige Quartiersentwicklung im Diskurs“) umfasste Beiträge, die sich mit konzeptionellen Fragen der Nachhaltigkeit auf der Quartiersebene befassten. Karin Hopfner und Philipp Zakrzewski (beide Stuttgart) beschäftigten sich mit den Möglichkeiten und Grenzen der Übertragbarkeit von Konzepten der nachhaltigen Stadtentwicklung auf Wohnquartiere im Bestand. Das Quartier verstehen sie als „Labor“, in dem konkrete Nachhaltigkeitsstrategien entwickelt und erprobt werden können. Axel Schubert (Basel) diskutierte die „Verengungsgefahren“, die mit einem konzeptionellen Mainstreaming auch auf der Quartiersebene verbunden seien. So bestehe die Gefahr, dass die Verantwortlichkeit für nachhaltige Entwicklung auf eine Ebene übertragen werde, auf der die Verantwortung nicht eingelöst werden könne. In einem dritten Beitrag zu diesem Themenkomplex referierte Stephanie Weiss über Wohnen als soziale Kulturtechnik und vertrat die Hypothese, dass es sich hierbei um eine vernachlässigte Kategorie im Diskurs der kulturellen Dimension nachhaltiger Entwicklung handele.

Themenkreis 2 handelte von Governance-Prozessen im Rahmen nachhaltiger Quartiersentwicklung. Verena Schäffer (Lausanne) sprach allgemein über Governanceprozesse zur Realisierung nachhaltiger Stadtquartiere und skizzierte drei idealtypische Steuerungsmodelle (privat, öffentlich, kooperativ) an einem Fallbeispiel. Anhand eines konstruktivistischen Ansatzes erläuterte Gabriel Spitzner (Bochum) daraufhin die Rolle privater Bauträger im Rahmen sozial nachhaltiger Quartiersentwicklung bzw. der Bedeutungskonstruktionen, die deren Verhalten vorstrukturierten. Nachdem Karoline Brombach (Stuttgart) über ein Interreg-Projekt berichtete, welches das Management von Stadtteilzentren zum Gegenstand hatte, schloss Marian Günzel (Dresden) den Themenblock mit einem Fallbeispiel über Chancen und Grenzen nachhaltiger Quartiers-Revitalisierung in den USA ab.

Den Themenkreis 3 (Nachhaltigkeit in Quartieren mit besonderem Entwicklungsbedarf) begann mit einem Referat von Joachim Schöffel und Raimund Kemper (beide Rapperswil) über die eher „pragmatischen“ Governance-Strukturen nachhaltiger Quartiersentwicklung in der Schweiz im Vergleich zu Deutschland und der EU. Jeanne Grabner (Berlin) setzte danach einen Kontrapunkt aus der Praxis des Quartiersmanagements. Sie stellte die provokante Frage, warum Programme wie „Soziale Stadt“ grundsätzlich nicht dazu geeignet seien, nachhaltige Quartiersentwicklung zu generieren, und erläuterte ihre Thesen anhand zweier gescheiterter Projekte – nicht jedoch ohne abschließend Lösungsansätze für die Zukunft zu skizzieren. Ebenfalls aus der Praxis vor Ort berichtete Jan Lorenz Wilhelm (Potsdam), indem er Widersprüche und Chancen des ehrenamtlichen Engagements als Beitrag nachhaltiger Quartiersentwicklung anhand konkret stattgefundener Workshops plastisch darstellte.

In einem vierten und letzten Block ging es um Bewertungssysteme und Instrumente nachhaltiger Quartiersentwicklung. Ulli Meisel (Aachen) stellte mit seinem „Routenplaner Bestandsquartiere“ sechs Dimensionen für praktisches nachhaltiges Handeln systematisch vor: das Einsparen von Ressourcen und Energie, die Gewährleistung von Wohngesundheit, die Umsetzung einer Sozialorientierung, die Senkung der Herstellungs- und Betriebskosten, die Gewährleistung von Dauerhaftigkeit und nicht zuletzt das Handlungsprinzip „Wiederverwendung“. Im abschließenden Beitrag berichtete Severin Lenel (Zürich) von Erfahrungen aus Quartiers-Projekten, die nach dem Prinzip der 2000-Watt-kompatiblen Arealentwicklung durchgeführt wurden, und skizzierte entsprechende methodische Grundlagen.

Die sehr gut und interdisziplinär besuchte Tagung, die dankenswerter Weise in repräsentativen Räumlichkeiten der FH Köln, vertreten durch Katja Veil, stattfinden konnte und vom Schweizerischen Nationalfonds unterstützt wurde, konnte die großen Eingangsfragen (erwartungsgemäß) nicht abschließend klären. Dennoch gab es eine große Einigkeit in der Abschlussdiskussion, dass die verschiedenen Perspektiven auf nachhaltige Quartiersentwicklung zur intensiven Reflexion angeregt und bei vielen TeilnehmerInnen zu weiterführenden Erkenntnissen – irgendwo verortet zwischen Praxisbezug und theoretischer Position – geführt haben. Es gab hier mitunter eine Annäherung divergierender Positionen und den Wunsch nach weiterer, noch intensiverer Diskussion. Quartier kann – so ein weiteres Fazit – ein enorm wichtiger Bezugspunkt für nachhaltige Stadtentwicklung sein, wenn dadurch der konzeptionelle Rahmen von „Nachhaltigkeit“ nicht vernachlässigt und das Quartier als eingebettete Zwischenebene mit außergewöhnlich vielen Schnittstellen für Nachhaltigkeitsprojekte verstanden wird. Das offene Projekt „Nachhaltige Quartiersentwicklung“ sollte aus unserer Sicht also – auch und gerade in der Geographie – nach diesem Auftakt weiter verfolgt werden.

Matthias Drilling und Olaf Schnur

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