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Wohin steuern unsere Quartiere? Zur Governance in der Quartiersentwicklung.
Bericht von der Jahrestagung des AK Quartiersforschung an der Humboldt-Universität in Berlin vom 31.10. bis 1.11.08
Unter der Überschrift „Wohin steuern unsere Quartiere? Zur Governance in der Quartiersentwicklung“ traf sich der AK Quartiersforschung in diesem Jahr in Berlin. Das aktuelle Thema lockte knapp 70 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus ganz Deutschland, der Schweiz und Belgien auf den Campus Adlershof der Humboldt-Universität. Das Credo des Arbeitskreises, Wissenschaft und Praxis miteinander in Kontakt zu bringen, spiegelte sich bereits im Tagungsprogramm wider, das von ausgesprochen theoretischen Referaten bis hin zu Berichten aus der täglichen Quartiersarbeit und einem abendlichen Vor-Ort-Termin mit drei QM-Teams im Quartiersmanagement-Gebiet Brunnenviertel reichte. Ähnlich transdisziplinär setzte sich auch das Publikum zusammen, das zu gleichen Teilen aus unterschiedlichen Wissenschaftsdisziplinen, Wirtschaft und kommunaler Praxis kam.
Die Tagung gliederte sich in vier Themenblöcke. Im Themenkreis 1 (Die „neue“ Popularität des Lokalen) erläuterte Christa Kamleithner Foucaults Gouvernementalitätsbegriff sowie das Konzept „Regieren durch Community“ von Nicolas Rose und machte deutlich, wie aktuelle Quartierssteuerungsdebatten darin einzuordnen sind. Fabian Kessl argumentierte in eine ähnliche Richtung, erläuterte unterschiedliche Facetten des „Spatial Turns“ und konkretisierte seine Thesen plastisch am Beispiel der Bielefelder „Tüte“. Im Anschluss daran berichtete Manfred Perlik über die „neue Popularität des Lokalen“ an Beispielen aus der Schweiz, wo Stadtflucht, Fernpendeln und multilokales Wohnen zu ökologischen Problemen führt. Dazu entwickelte er eine Hierarchie von Makro- und Mikro-Regimen, die entsprechende Immobilienangebote aus Kapitalverwertungsinteresse bereitstellen. Abschließend erläuterte Céline Widmer die Rescaling-Theorie am Beispiel der Stadtentwicklungspolitik in Zürich, bei der es sich um Simultanpolitik handeln könnte: vordergründig sozial ausgerichtet, im Prinzip aber ökonomisch orientiert, um im internationalen Wettbewerb der Städte eine gute Position zu erlangen.
Themenkreis 2 (Quartiere zwischen Programmen und Akteursinteressen) begann mit einem Beitrag von Christina West über politische Utopien und städtische Heterotopien im Sinne Foucaults. Anhand einer Korrespondenzanalyse mit Daten aus Barcelona und Sevilla wurden die Akteurskonstellationen, partizipativen Durchsetzungsstrategien, Diskurse und Mobilitätslogiken der „kreativen Klassen“ aufgezeigt. Dabei spielt die Kategorie „Vertrauen“ eine zentrale Rolle, auf die anschließend Samuel Mössner an einem Beispiel aus Mailand näher einging. Er vertrat die These, dass integrierte Entwicklungsprogramme aufgrund ihrer Abhängigkeit von einer so fragilen Größe risikobehaftet und deshalb kritisch zu betrachten seien. Christian Strauß betrachtete ebenfalls integrierte Quartierskonzepte, dies jedoch bezogen auf Stadtumbau und demografischen Wandel in Deutschland. In einer Instrumentenkritik erklärte er den kooperativen Anspruch des „Stadtumbaus“ für gescheitert und plädierte für neue, multiskalare Herangehensweisen. Abschließend befasste sich Orlando Eberle aus der Perspektive der Züricher Stadtverwaltung mit dem prototypischen ehemaligen Arbeiterquartier Schwamendingen, das heute eine konflikthafte Entwicklung durchläuft und mit innovativen kommunalen Instrumenten stabilisiert werden konnte. Passend zu diesem Themenkreis war auch der Vor-Ort-Termin im Brunnenviertel in Berlin-Wedding, wo gleich drei Quartiersmanagementbüros mit unterschiedlichen Gebietsabgrenzungen, Hintergründen, Motiven und Handlungslogiken arbeiten. Die Tagungsteilnehmer wurden parallel in drei Gruppen durch das Quartier geführt und mit den jeweiligen Quartiersperspektiven der Akteure konfrontiert. In einer sehr offenen und aufschlussreichen gemeinsamen Abschlussdiskussion konnten diese Perspektiven vergleichend thematisiert werden.
Der zweite Konferenztag begann mit dem Themenkreis 3, der neue Entwicklungsagenten und ihren Einfluss auf die Quartiersentwicklung beleuchten sollte. Dabei wurden die unterschiedlichen Handlungslogiken, Spielräume, Zwänge und Perspektiven der Akteure deutlich. So stellte Lars Friedrich vom Berliner Bürgerverein „BürSte“ („Bürger für den Stephankiez“) Projekte seines Vereins sowie Ideen für die Stärkung der Bürgerbeteiligung durch Bürgervereine vor. Töns Föste berichtete daraufhin anschaulich von seinen Erfahrungen als Quartiersmanager in der Greifswalder Fleischervorstadt. Hermann Brachmann erläuterte Prinzip und Wirkung der neu gegründeten Genossenschaft „RundUlm Betreuung eG“, die im Quartiersmanagement-Gebiet Ulmer Weststadt ihre Dienste verrichtet und zur Quartiersentwicklung beträgt. Abschließend hatte Stephan Lanz die Aufgabe, auf der kritisch-theoretischen Ebene die Fäden aus der Praxis aufzugreifen und gleichzeitig am konzeptionellen Fundament des Quartiersmanagements zu rütteln. Er vertrat die These, dass der mit dem „Neoliberal Turn“ verbundene Wandel vom Wohlfahrtsstaat zum aktivierenden Sozialregime die Staatsbürger zunehmend unter Druck setze und – wiederum mit Bezug auf Nicolas Rose – aus Nachbarschaft ein für den einzelnen schwer verdauliches, individualistisch-moralisiertes Amalgam aus Territorium und Gemeinschaft mache.
Während sich dieser Teil mit partizipativen Elementen und bürgerschaftlichem Engagement befasste, sollte der folgende Abschnitt insbesondere Unternehmen als Entwicklungsagenten analysieren. Dementsprechend befasst sich Heike Birkhölzer in ihrem Beitrag mit sozialen Unternehmen, die neue Arbeitsplätze in solchen Bereichen schaffen wollen, die im Quartier unterversorgt sind. Dazu stellte sie die Berliner Agentur „BEST“ vor, die sich zum Ziel gesetzt hat, die Stadtteilökonomie zu verbessern. Darauf aufbauend stellten Gisela Prey und Annette Vollmer das Konzept der Business Improvement Districts (BID) vor. Während Gisela Prey ein Beispiel aus Köln-Kalk erläuterte, beschäftigte sich Annette Vollmer mit den Ursprüngen der BID-Idee und stellte einen kritischen Vergleich von US-amerikanischen und deutschen BIDs vor.
Im vierten und letzten Themenkreis 4 der Tagung wurden noch einmal neue Steuerungs- und Evaluationsinstrumente in der Quartiersentwicklung einer eingehenderen Betrachtung unterzogen. Ein Boom neuer Begriffe und erste Modellprojekte deuten darauf hin, dass sich auch im Instrumentenkoffer der Quartiersentwicklung einiges verändert. So präsentierte Peter Zemp ein neues modellartiges Evaluationstool und innovative Entscheidungshilfen für den Bau und die nachhaltige Sanierung von Quartieren für die Agglomeration Lausanne. Den Schlusspunkt der Tagung setzte Annette Kuhk, die für Brüssel, noch in den 1970ern die „Stadt der 100 Bürgerinitiativen“ genannt, neue Steuerungsinstrumente („Kontrakte für Quartiere“ und „Gebiete von regionalem Interesse“) vorstellte und auch in der Abgrenzung zu ähnlichen Instrumenten in Deutschland oder der Schweiz zu einer positiven Bewertung kam.
In den Diskussionen zwischen den Referaten gab es einige Schwerpunkte. So wurde immer wieder versucht, absolut- und relativräumliche Vorstellungen miteinander zu verknüpfen (statt konfrontativ einander gegenüberzustellen). Außerdem wurde die These kontrovers diskutiert, ob man politisch-ökonomische Wettbewerbsziele der Kommunen bzw. des Staates nicht in Kauf nehmen könne, wenn diese als „side effect“ auch zu sozialen Verbesserungen führten. Eine weitere Kontroverse wurde darin aufgegriffen, inwieweit man in der bundesdeutschen Quartiersentwicklungspolitik eine Verknüpfung von „Versäulung“ (nach KGSt-Handlungsmodell) und „Intersektoralität“ (nach Soziale-Stadt-Handlungsmodell) erreichen könne. Es wurde die Auffassung vertreten, eine „Matrix“-Lösung zu schaffen, die aber nicht ohne größere personelle und finanzielle Ressourcen zu verwirklichen wäre.
Dass der im AK angestrebte Dialog zwischen Wissenschaft und Praxis (aber auch zwischen unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen) auch tatsächlich gelingen konnte, lag u.a. an der offenen Atmosphäre der Tagung. So wurde sowohl von Wissenschaftlern als auch von Praktikern während und nach der Tagung immer wieder betont, dass dieser gelungene, fruchtbare Austausch unbedingt fortgesetzt und weiter entwickelt werden müsse. Ein nächster Schritt ist im Rahmen der Fachsitzung zur Governance in der Quartier-, Stadt- und Regionalentwicklung am Geographentag in Wien geplant. Dem Schweizerischen Nationalfonds danken wir für die finanzielle Unterstützung der Tagung und den Druckkostenzuschuss für den in Bälde erscheinenden Tagungsband. Nicht unerwähnt lassen möchten wir auch den wichtigen organisatorischen Support durch die Fachhochschule Nordwestschweiz und das Geographische Institut der Humboldt-Universität.
Powerpoints bzw. Abstracts der Vorträge können auf dieser Webseite unter der Download-Rubrik abgerufen werden.
Herzliche Grüße,
Olaf Schnur (Berlin) und Matthias Drilling (Basel)
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