Arbeitskreis Quartiersforschung

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» Bericht von der Jahreskonferenz “Ökonomie im Quartier” des AK Quartiersforschung 2016
Eingetragen von Olaf Schnur am 28.07.16

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Bericht von der Jahrestagung des AK Quartiersforschung

Thema: Ökonomie im Quartier – von der sozialräumlichen Intervention zur Postwachstumsgesellschaft?

2. - 3. Juni 2016, Wuppertal

„Ökonomie im Quartier – von der sozialräumlichen Intervention zur Postwachstumsgesellschaft?“ – mit diesem übergreifenden Themenfeld war der „Arbeitskreis Quartiersforschung“ anlässlich seiner Jahrestagung 2016 in Wuppertal zu Gast. Als Partner konnte das Zentrum für Transformationsforschung und Nachhaltigkeit (TransZent) gewonnen werden, welches – von der Bergischen Universität Wuppertal und dem Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie gGmbH im Oktober 2013 in Kooperation gegründet – in besonderer Weise zu den Themen Postwachstumsgesellschaft, Nachhaltigkeit und lokale Ökonomien forscht.

Das TransZent – insbesondere seien hier Maria Behrens, Andreas Keil, Mandy Singer-Brodowski sowie den untenstehenden ExkursionsführerInnen und Studierenden Miriam Wagner, Niklas Bründermann vor Ort gedankt - hat räumlich und organisatorisch ideale Rahmenbedingungen für die Konferenz mit fast 60 TeilnehmerInnen geschaffen. Auch die mittlerweile traditionellen Exkursionen wurden vom TransZent kuratiert: In drei Gruppen konnten die TeilnehmerInnen – geführt von Janina Westerkowski, Matthias Wanner und Annaliesa Hilger – verschiedene Projekte und Initiativen in den Quartieren Arrenberg (Essbare Stadt), Mirke (Utopiastadt) und Oberbarmen/Wichlinghausen kennenlernen, welche die ExkursionsleiterInnen derzeit auch im Rahmen von Dissertationsprojekten als „Reallabore“ erforschen. Bei der Exkursion ins Quartier Arrenberg stand das Projekt „Essbarer Arrenberg“ im Mittelpunkt. In diesem bürgerschaftlichen Projekt haben sich Akteure des Vereins „Aufbruch am Arrenberg e.V.“ zusammengetan, um unterschiedliche Facetten der Ernährung in der Stadt zu beleuchten. Neben einem bereits existierenden Food Sharing-Angebot werden dabei auch Ideen für eine urbane Farm und eine solidarische Landwirtschaft diskutiert, welche sich gerade etabliert hat. Die Exkursion in das Quartier Mirke zeigte die Potenziale der Nordbahntrasse und des Projektes Utopiastadt im Mirker Bahnhof für die zukünftige Entwicklung des Viertels. Deutlich wurde zudem, auf welche innovative Weise private Investoren mit Unterstützung der städtischen Verwaltung auf Kreditgeber zugehen können, um grössere Projektierungen in Eigenregie zu realisieren. In den Quartieren Oberbarmen und Wichlinghausen stand das Projekt „Haushüten“ im Mittelpunkt der Exkursion, bei dem Leerstände im Rahmen von Zwischennutzungskonzepten belebt werden. Begleitet wird dies von einem Quartiersentwicklungsbüro. 

Der Konferenztag begann mit einem Block zum Thema „Lokale Ökonomien als räumliche Interventionen“. Kathrin Schultheis und Orhan Güles vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung in Bonn (BBSR) führten zunächst in das Bundesprogramm BIWAQ – Bildung, Wirtschaft, Arbeit im Quartier ein und stellten die eher normative Verortung des Konzeptes „Lokale Ökonomie“ im Programmkontext vor. Kernziel von BIWAQ ist die Stabilisierung lokaler Unternehmen und deren Quartiersbezug. Die dritte Förderperiode des Programms funktioniert daher ähnlich einer kleinräumig-integrierten Wirtschaftsförderung. Potentiale liegen – so die Referierenden - bei der Verknüpfung von Sozial- und Baureferaten auf kommunaler Verwaltungsebene. Martina Brandt und Stefan Gärtner vom Institut für Arbeit und Technik (IAT) in Gelsenkirchen stellten ihr Projekt zur Erforschung der Übertragbarkeit von Erfolgs- und Lernfaktoren zwischen verschiedenen Interventionsebenen vor. So wurden Strukturen, Potenziale, Interventionen und Verstetigungsaspekte verschiedener Projekte untersucht. Wichtig ist die Perspektive, dass jeder Ort über ein spezifisches Kapital verfügt, welches erkannt und an zivilgesellschaftliche Strukturen vermittelt werden muss. Ann-Marie Krewer und Katja Keggenhoff von der Hochschule Niederrhein stellten drei Quartiere in Viersen, Solingen und Leverkusen vor, bei denen es um die Verstetigung von Projekten zur Aktivierung lokalökonomischer Strukturen geht. Dem Quartiersmanagement ging hier eine Analyse der Quartiere voraus, um die Maßnahmen besonders bedarfsangemessen zu gestalten. Michael Behling von Behling Consult aus Halle berichtete in seinem praxisorientierten Vortrag vom Projekt „Arbeitsladen“ aus Leipzig. Das Projekt setzt auf die Zusammenführung von Wirtschaft und Arbeit im Leipziger Osten und im Quartier Grünau. Mit einem eher betriebswirtschaftlichen Quartiersmanagement würden kleine und Kleinstunternehmen aktiv angesprochen und unterstützt.

Der zweite Block handelte von Themenbereich der „ethnischen und informellen Ökonomien“. Katharina Kullmann vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung GmbH (UFZ) aus Leipzig stellte Ergebnisse einer qualitativen Untersuchung ebenfalls aus den Soziale Stadt-Gebieten im Leipziger Osten und Grünau vor. In Ihrer Untersuchung, die in Kooperation mit Annegret Haase (UFZ) sowie Kathrin Großmann und Christian Hais (FH Erfurt) durchgeführt wurde, stand vor allem die Rolle lokalökonomischer Dynamiken für die soziale Diversität und den Wandel in Quartieren im Fokus. Der Vortrag von Sebastian Kurtenbach und Bernhard Hübers vom Zentrum für interdisziplinäre Regionalforschung (ZEFIR) aus Bochum handelte von visueller Mehrsprachigkeit bei ethnischen Ökonomien. Ziel der Studie ist die Untersuchung, inwiefern Migration die visuelle Erfahrungswelt von Wohngebieten verändert. Dazu wurden in acht Quartieren ca. 25.000 Zeichen erfasst und codiert. Nicole de Vries von der Universität Duisburg-Essen präsentierte am Beispiel Duisburg-Marxloh ein migrantisch-ökonomisches Cluster. Hier haben sich in einem räumlich stark begrenzten Kontext eine Vielzahl von Hochzeitsmoden-Geschäfte und spezialisierte Zulieferer angesiedelt – ein Potential, welches auch durch das Programm BIWAQ gezielt gefördert wurde.

Die Beiträge des dritten Themenblocks beschäftigten sich mit „lokal orientierter Solidarökonomie und Social Media“. Daniel Wendler von AGP Sozialforschung im FIVE e.V. präsentierte das Projekt „SoNaTe - Soziale Nachbarschaft und Technik“ aus Freiburg. Hier soll ein virtuelles Nachbarschaftsnetzwerk auf Genossenschaftsbasis mit dem Schwerpunkt „Soziale Nachbarschaft“ etabliert werden. Aus einer postkapitalistischen Perspektive sollen z.B. verschiedene Güter gemeinschaftlich genutzt werden (shared economy) oder gegenseitige Unterstützungen gewährt werden. Ronja Hasselbach (Hamburg) stellte ihr Projekt „Zukunftskiosk“ vor, welches sie gemeinsam mit Ina Römling während ihres Studiums an der Folkwang-Universität im Essener Südostviertel durchgeführt hat. Durch verschiedene Interventionen und Veranstaltungen haben die beiden Designstudierenden Interaktionen mit den BewohnerInnen des Quartiers zu Themen wie „Nachhaltiger Konsum“, „Mobilität“, „Klimawandel“ und „Urbanes Grün“ in Gang gesetzt. Dabei sollten die BewohnerInnen selbst ihre Nachhaltigkeitsziele definieren. Dazu wurden ein Kompendium und ein Online-Wiki erstellt. Markus Profijt vom Wuppertal Institut präsentierte erste Erkenntnisse seiner Dissertation zum Thema „Mobilitätssuffizienz und lokale Ökonomie“. Dabei geht es um die Reduktion von Mobilitätsroutinen auf notwendige Bewegungen. Sowohl durch das dezentrale Angebot z.B. von Car Sharing-Angeboten wie auch eine Relokalisierung von Konsum können Potenziale für kleinräumige Ökonomien entstehen.

Der vierte Block thematisierte Projekte der „creative class“. Petra Lütke vom Institut für Geographie der Universität Münster stellte ihre Ergebnisse zu temporären Ökonomien im Quartier vor. Dazu hat sie Gourmet Food Trucks in Austin, Texas und deren Auswirkungen für die Aufwertung von Quartieren untersucht. Daniela Fleig und Markus Kather (Inpolis, Berlin) berichteten vom BIWAQ-Projekt „NeMoNa – Netzwerk Mode und Nähen“ aus Berlin-Neukölln. Bei dem Projekt werden Modedesign-Studierende mit (migrantischen) Textilproduzentinnen vernetzt. Dabei werden auch Beratungen durchgeführt, Pop Up-Stores eingerichtet und ein Tourismuskonzept zum Absatz von Mode erarbeitet. Den räumlichen Rückbezug zum Tagungsort präsentierte Matthias Wanner vom TransZent und Wuppertal Institut. Er stellte erste Erkenntnisse seiner Dissertationsarbeit zum Projekt Utopiastadt und dem Mirker Viertel als Teil des Projektes „Wohlstandstransformation Wuppertal“ vor. Dabei standen vor allem die Identitätsbildung des Quartiers und die Kreativwirtschaft im Mittelpunkt.

Abschließend wurden die regen Debatten in eine offene Podiumsdiskussion mit Maria Behrens und Andreas Keil als ProfessorInnen und Forschende von den Instituten für Politikwissenschaften sowie Geographie der Uni Wuppertal und Olaf Schnur vom vhw Bundesverband für Wohnen und Stadtentwicklung (Berlin) als Vertreter des AK Quartiersforschung übergeleitet. Es herrschte große Einigkeit darüber, dass es der Tagung beispielhaft gelungen sei, einen weiten Bogen von der klassischen „modernen“ Intervention im Quartier bis hin zu neueren „postmodernen“ Konzepten nachhaltiger Quartiersentwicklung zu spannen. Dabei wurde deutlich, wie sich die Betrachtungsebenen zum Teil mischen und zum Teil verschieben: Während traditionelle Interventionsstrategien in der Regel – trotz aller partizipativer Bemühungen – „top down“ gedacht werden, gehen Postwachstumsansätze stärker von „bottom up“-Initiativen aus. Im ersten Falle geht es mehr um Good Governance im Bereich der Förderung lokaler Ökonomien, im letzteren Fall eher um die Co-Produktion der Stadt „von unten“, um soziale Innovation und Resilienz. Dass beide Perspektiven im Rahmen einer Tagung im Zusammenhang beleuchtet und (durchaus wertschätzend als gleichberechtigte Ansätze) diskutiert werden konnten, wurde als inspirierend bewertet.

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