Arbeitskreis Quartiersforschung

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» Am Anfang war die Exit-Strategie – und am Ende regierte der Zufall?
Eingetragen von Alexander Meyer am 26.02.09

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Förderprogramme sind zeitlich befristet und die Mittelvergabe soll degressiv gestaltet werden. So heißt es im deutschen Grundgesetz sinngemäß in Artikel 104b und so lautet auch der Anspruch des Bund-Länder-Programms „Soziale Stadt – Stadtteile mit besonderem Entwicklungsbedarf“. Bewohner und lokale Akteure des Quartiers sollen derart aktiviert und „empowert“ werden, dass sie auch ohne das Quartiersmanagement in der Lage sind, Netzwerke miteinander zu bilden. So sollen Rahmenbedingungen für nachhaltige soziale und ökonomische Entwicklungsprozesse angeregt werden. (In: ALISCH, M. (2003): „Philosophie“ und Ansatz von Quartiersmanagement – 12 Thesen als Versuch, ein Konzept der Realität anzupassen, These 6.)

Dazu muss sich staatlich gefördertes Quartiersmanagement laut ALISCH „von Anfang an, seiner vorübergehenden Position im Stadtteil bewusst sein. Dass heißt es muss frühzeitig eine Exit-Strategie für die Zeit nach dem geförderten Management entwickelt werden.“ (ebd., These 12.) Diese Exit-Strategie beinhaltet laut ALISCH sowohl eine Grundhaltung der Akteure als auch eine Phase im Quartiersentwicklungsprozess. Sowohl organisierte Bewohner als auch Vertreter der Verwaltungsdienststellen und Quartiersmanager müssen lernen, dass was sie mit Hilfe des Programms geleistet haben und leisten, auf anderem Wege fortzusetzen und zu verstetigen.

Vom Anchoring und Mainstreaming

Entgegen diesem Anspruch stellt der „Statusbericht 2008 zum Programm Soziale Stadt“ der Bundestransferstelle Soziale Stadt fest, dass Verstetigung als Thema zum Jahresende 2005 lediglich in knapp einem Viertel der ostdeutschen und in annähernd 40% der westdeutschen Programmgebiete eine Rolle spielte. (In: BUNDESMINISTERIUM FÜR VERKEHR, BAU UND STADTENTWICKLUNG (Hrsg., 2008): Statusbericht 2008 zum Programm Soziale Stadt, Berlin, S.83f.) Dabei werden im Bericht zwei grundsätzliche Dimensionen von Verstetigungsansätzen (die miteinander zusammenwirken) unterschieden. Einerseits die unmittelbaren Verstetigungsansätze in lokalem Kontext (anchoring) und andererseits die Verankerung von integrierter Stadtteilentwicklung in den Kommunalverwaltungen über die Phase der Sonderförderung hinaus (mainstreaming). (ebd., S.85.)

Während der Bericht auf quartiersbezogener Ebene fünf Verstetigungsansätze nennt (Überführung in kommunale Regelförderung, Förderung über Programme jenseits des Programms „Soziale Stadt“, Finanzierung/Unterstützung durch Dritte, wirtschaftliche Eigenständigkeit des Projekts und unentgeltliche Tätigkeit/ Ehrenamtlichkeit; In: ebd., S.86.), bleibt das mainstreaming als Implementierung einer ressortübergreifenden Soziale-Stadt-Politik als gesamtstädtische Daueraufgabe weitestgehend unspezifisch.

• Spiegelt das vielleicht die Gesamtsituation innerhalb des Programms wider?
• Existieren neben einzelnen Bausteinen von Verstetigungsansätzen auf Quartiersebene auch Beispiele für eine gelungene Implementierung auf Verwaltungsebene?
• Wie sehen diese aus?
• Gibt es schon best-practice einer dauerhaften quartiersbezogenen Governance?
• Wie groß ist die Bereitschaft außerhalb der Programmgebiete und jenseits politischer Rhetorik? 


Wunschdenken Verstetigung? Ein Blick nach Berlin…

In Berlin gehen wir mittlerweile ins elfte Förderjahr. Mitte 2009 werden insgesamt 35 Quartiere in der Förderkulisse „Quartiere mit besonderem Entwicklungsbedarf“ zu finden sein. Folgen wir der Empfehlung von ALISCH müssten entsprechende Exit-Strategien bereits vorhanden sein und dies sowohl auf Quartiersebene als auch auf quartiersübergreifender gesamtstädtischer Ebene. Mein Eindruck ist der, dass dies auf beiden Ebenen momentan noch Wunschdenken ist. Zwar gibt es in einzelnen Quartieren und in einzelnen Strategiebereichen gut dokumentierte Ansätze von Verstetigungsbestrebungen. Allerdings scheinen mir diese Beispiele nicht Bestandteil einer strategischen Exit-Konzeption für das Quartier zu sein. Oder werden diese nur nicht als solche Exit-Strategie kommuniziert? Ist das Handlungskonzept als Ergebnis einer ressortübergreifenden Kooperation schon quartiersbezogene Exit-Strategie? Wer ist für die quartiersbezogene Exit-Strategie verantwortlich? Muss sie Bestandteil der QM-Ausschreibung sein? Kann sie das überhaupt? Ist ein quartiersbezogener Exit ohne gesamtstädtische Rahmenstrategie überhaupt denkbar? Welche gesamtstädtische Exit-Strategie verfolgt Berlin? Wie weit geht kann ein solcher Exit gehen? Welche Ebenen sind daran beteiligt?

In Berlin wurde zeitgleich mit dem Senatsbeschluss zur Einrichtung von integrierten Stadtteilverfahren die 1.Stufe des Aktionsprogramms „Urbane Integration“ abgeschlossen.  Ziel dieses Aktionsprogramms ist die Entwicklung einer nachhaltig wirkenden, langfristig orientierten gesamtstädtischen Strategie. (In: ABGEORDNETENHAUS VON BERLIN (1999): Bericht zur Entwicklung einer gesamtstädtischen Strategie zur Entschärfung sozialer Konflikte..., Drucksache 13/4001, Berlin, S.4) In dem Bericht vom Abgeordnetenhaus wird von einer folgenden Stufe 2 gesprochen. Die Arbeitsgruppe tritt aber laut dem Bericht zur „Evaluation des Berliner Quartiersmanagements in der Pilotphase 1999-2002“ seit Herbst 2001 nicht mehr zusammen. (EMPIRICA (Hrsg., 2002): Evaluation des Berliner ..., Berlin, Abbildung 2, S.38.) Wo wird seit Herbst 2001 über eine gesamtstädtische quartiersübergreifende Strategie für Berlin beraten? Wer sollte sie entwickeln? Kann es Aufgabe von Verwaltung sein, sich selbst zu modernisieren?

Das Thema Exit-Strategie im Programm „Soziale Stadt“ ist hochspannend, dringlich und aktuell – meines Erachtens ein Diskussionsthema und Gelegenheit zum Meinungs- und Erfahrungsaustausch für unseren Arbeitskreis, auch hier in Blog und Foren!

Alexander Meyer

» Kommentare
Zu diesem Beitrag existieren aktuell 6 Kommentare.
Kommentar verfassen

  • Kommentar von:
    Dirk Gebhardt
    Eingetragen am:
    01.03.09

    Polemischer Aufschlag: Ein Exit aus dem QM findet bisher nur dann statt, wenn sich das betreffende Quartier in Richtung Gentrifizierung entwickelt.

    Eine Verstetigung des QM durch Verankerung ist gut, doch haben viele der in QM-Gebieten lebenden Menschen oft zu viele andere Probleme, um hierzu durch ihr ehrenamtliches Engagement einen Beitrag zu leisten. Es besteht also die Gefahr, dass man –auf der Suche nach Potenzialen zur Verankerung– sich auf Bewohnergruppierungen stützt, die sehr selektiv Interessen der Gebietsbevölkerung vertreten.

    A propos Interessen: Vielleicht haben wir daher bisher so wenige Exit-Strategien, weil sie den ökonomischen Interessen der Träger („sich selbst überflüssig machen“) zuwiderlaufen. Dem kann man nur dadurch entgegentreten, dass man sie stärker in die Pflicht nimmt – das hat z.B. in Berlin mit der geforderten besseren Repräsentation von Personen mit Migrationshintegrund in QM-Teams ganz gut geklappt (soweit ich weiß).

    Wenn man das Problem aus der Perspektive betrachtet, was eigentlich verstetigt werden soll, also was das Erhaltenswerte und Innovative am QM ist, ist der Mainstreamingaspekt vielleicht konkreter: Es geht ja in erster Linie um Erneuerungen in der Verwaltung, insbesondere um einen besseren Bezug zum Quartier, Bewohnerbeteiligung und Zusammenarbeit über Fachressorts hinweg. Auch hier sind bestimmte (institutionelle) Eigeninteressen zu knacken, zum Beispiel durch eine starke neutrale Stelle innerhalb der Verwaltung, die diese Prozesse koordinieren muss (so ähnlich wie in der Integrationspolitik als ressortübergreifende Aufgabe).

    In München ist man m.E. hier am weitesten, man hat weite Teile der Sozialpolitik auf eine sozialräumliche Ebene gebracht – vielleicht weiß ja jemand etwas von Zwischenergebnissen.

  • Kommentar von:
    Olaf Schnur
    Eingetragen am:
    06.03.09

    ...nur ein kleiner Zwischenruf zum Thema: http://www.sozialestadt.de/veroeffentlichungen/newsletter/07-2-verstetigung-und-monitoring.phtml

  • Kommentar von:
    Olaf Schnur
    Eingetragen am:
    06.03.09

    Ich frage mich: Warum muss es eigentlich "Exit oder Hopp" heißen? Ist "Soziale Stadt" etwa eine Erfindung der Immobilienökonomen? Ich stimme Dirk Gebhardt zu und gehe noch einen Schritt weiter: Meines Erachtens sollte eine Begleitung problematischer Quartiere ohne weiteres auch eine längerfristige (im Zweifel dauerhafte) Aufgabe von Kommunen und Wohnungswirtschaft darstellen. Der Berliner Ansatz, verschiedene "QM-Intensitäten" einzuführen, scheint mir hierbei ein ausbaufähiger Weg zu sein. Wenn sich Quartiere positiv entwickeln, kann man im Sinne eines "Anchoring" einen "Fading-out"-Prozess anstreben, ohne den entstandenen zivilgesellschaftlichen Strukturen gleich mit dem "Exit" zu drohen (vielleicht sollte man auch die Begrifflichkeiten überdenken). Bei Quartieren, die ohnehin stark benachteiligt sind, ist die "Mainstreaming"-Strategie sicherlich ein guter Weg. "Soziale Stadt" zuende gedacht heißt für mich: Quartiersentwicklung als genuinen Bestandteil von Stadtentwicklungspolitik zu etablieren.

  • Kommentar von:
    Stefan Karasek
    Eingetragen am:
    13.04.09

    Ich kann nur über die Situation in Wien sprechen:
    Eine Exitstrategie hat es hier nie gegeben. Die Stadtteilmanagement- projekte waren von Beginn an als Pilotprojekte gedacht, die nach 4 Jahren wieder auslaufen - fertig, danach ist man stillschweigend wieder zur Tagesordnung übergegangen. Es muss jedoch dazu gesagt werden, dass der finanzielle Einsatz von Seiten der EU, der Stadt und des Bezirks ohnehin verschwindend gering war, d.h. Abdeckung der Personalkosten (StadtteilmanagerInnen) und zur Verfügungstellung von Räumen für Veranstaltungen und Treffen. Zu einer Verstetigung ist es nur insofern gekommen, als die Räumlichkeiten von der "Gebietsbetreuung" (bauliche Angelegenheiten) übernommen wurde und mit zwei Teilzeitkräften besetzt wurde. Sozialraumorientierter Sozialer Arbeit, Empowerment- und Beteiligungsbemühungen oder ökonomischen Initiativen etc. ist in dieser "Verstetigung" kein Platz eingeräumt worden.
    Strategien für ein "Danach" wurden dabei weder auf Stadtteil- noch auf Stadtebene angedacht. In Österreich gab es auch nie einen entsprechenden Ansatz auf Bundesebene, was vielleicht daran liegt, dass sich Österreich mit Ausnahme von Wien als ländlich geprägtes Land versteht.
    Ich finde es jedenfalls schade, dass nach so relativ kurzer Projektdauer nicht einmal Übergangslösungen gefunden werden, um die entstandenen Netzwerke und Initiativen noch ein Stück weiter zu stützen.
    Stefan Karasek

  • Kommentar von:
    Olaf Schnur
    Eingetragen am:
    12.06.09

    Zum Thema Verstetigung findet in Berlin aktuell eine interessante Diskussionsveranstaltung statt. Siehe http://www.quartiersforschung.de/index.php/seite/forum/viewthread/25/!

  • Kommentar von:
    Olaf Schnur
    Eingetragen am:
    03.12.09

    Zu diesem Thema gibt es auch ein aktuelleres Posting hier im SeminarBlog:

    http://www.quartiersforschung.de/index.php/seite/seminarblog/teil_4_kritische_diskussion_soziale_stadt/

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